Vom CFO zum CEO: René Unger hat das Steuer bei Zurich Österreich übernommen. Wer jedoch einen reinen Fokus auf Bilanzen erwartet, wird überrascht sein. Im Interview spricht er darüber, warum für ihn hinter jeder Kennzahl ein Mensch steht, wie er analytische Stärke mit Empathie verknüpfen will und weshalb eine lebendige Fehlerkultur der Schlüssel für die künftige Weiterentwicklung des Unternehmens ist. Ein Gespräch über Kontinuität, neue Handschriften und den Mut, Risiken aktiv zu gestalten.
Sie übernehmen das Steuer von Luciano Cirinà, der eine globale Rolle im Konzern einnimmt. Welche drei Akzente Ihrer Vorgänger-Ära wollen Sie unbedingt beibehalten, und wo werden wir eine neue ‚Handschrift Unger‘ sehen?
Ganz zentral war und ist die Marktnähe: wir wollen mit unseren Mitarbeitenden und Maklerbetreuern vor Ort sein. Auch unseren Kundenfokus werde ich natürlich beibehalten: Unsere Kundinnen und Kunden sowie unsere Vertriebspartner stehen im Mittelpunkt unseres Handelns. Ihr Vertrauen ist unser wichtigstes Gut. Ein weiterer Eckpfeiler unseres Erfolgs ist unsere offene und unterstützende Unternehmenskultur. Die Zusammenarbeit über Bereiche hinweg und ein gemeinsamer Spirit machen uns stark. In der Zusammenarbeit mit unseren Vertriebspartner ist uns die Zusammenarbeit auf Augenhöhe wichtig.
Wo ich künftig noch stärker einen Akzent setzen möchte: Ich bin überzeugt davon, dass eine lebendige Fehlerkultur ganz zentral für die Weiterentwicklung ist. Sowohl persönlich für den einzelnen Menschen, aber auch für eine Organisation. Ich möchte daher daran arbeiten, dass wir ein Umfeld schaffen, in dem Mitarbeitende noch offener über Fehler sprechen können. Nur so lernen wir miteinander und voneinander und werden jeden Tag besser.
Vom CFO zum CEO: Sie kennen die Zahlen der Zurich Österreich als ehemaliger CFO in- und auswendig. Wie hilft Ihnen dieser ‚Zahlen-Blick‘ dabei, die emotionalen Themen wie Marke und Kundenbindung neu zu bewerten?
Ja, als ehemaliger CFO kenne ich die Zahlen und Fakten sehr genau. Dieses Wissen ist für mich eine wertvolle Grundlage. Es hilft, Chancen und Risken realistisch einzuschätzen und unternehmerisch kluge Entscheidungen zu treffen. Doch gerade bei emotionalen Themen wie Marke und Kundenbindung ist es wichtig, den Blick zu erweitern. Zahlen zeigen Trends und Ergebnisse, aber hinter jedem Wert stehen Menschen: unsere Kundinnen und Kunden, unsere Vertriebspartner sowie unsere Mitarbeitenden. Für mich bedeutet der Wechsel vom CFO zum CEO daher auch, die Zahlen mit den Emotionen und Erwartungen unserer Zielgruppen zu verbinden. Es gilt, Zuhören und Empathie mit analytischer Stärke zu verknüpfen. Nachhaltiger Erfolg entsteht, wenn Herz und Verstand Hand in Hand gehen. Eine starke Marke spielt da eine ganz wesentliche Rolle. Sie ist das Fundament für das Vertrauen von Kundinnen und Kunden, Partnern und Mitarbeitenden. Der Mensch steht dabei im Mittelpunkt.
Welche Sparten im österreichischen Markt bieten aktuell das größte Potenzial, um die Profitabilität weiter zu steigern, ohne das Risiko zu erhöhen?
Ich denke, das Wichtigste ist eine klare und breite Differenzierung im Portfolio. Das verschafft uns die nötige Flexibilität, um Chancen zu nutzen und uns auf unterschiedliche Anforderungen einzustellen. Geschäftsmöglichkeiten ganz ohne Risiko sind selten und letztendlich ist das Managen von Risken ja auch unser Kerngeschäft. Darin liegt unsere Stärke: Wir gehen verantwortungsvoll mit Risken um, analysieren sie sorgfältig und entwickeln gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden passende Absicherungsstrategien. Nachhaltiger Geschäftserfolg entsteht, wenn wir Risken nicht ausblenden, sondern sie aktiv gestalten und managen. Ein Thema, in dem ich tatsächlich viel Potenzial sehe, ist die Vorsorge. Wir haben im letzten Jahr damit begonnen, hier gezielt Frauen anzusprechen, weil diese in Österreich eine deutlich größere Vorsorgelücke haben im Vergleich zu Männern. Auch in den Lösungen zur betrieblichen Altersvorsorge gibt es weiterhin viel Potenzial. Das staatliche Pensionssystem steht unter Druck, daher kommt der ergänzenden betrieblichen Vorsorge eine wichtige Rolle zu. Für Unternehmen bietet sie zudem ein entscheidendes Potenzial zur Mitarbeiterbindung.




