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Ermüdete Gesellschaft

von Mag. Christian Sec

Von der spezialisierten Ruhestandsplanung bis zur modernen Arbeitskraftabsicherung: Österreichs Vorsorgemarkt ist in Bewegung, das Titelthema in der März Ausgabe von risControl.

Fast jede zweite neue Berufsunfähigkeit geht heute auf psychische Erkrankungen zurück. Hinter dieser Zahl verbirgt sich mehr als eine medizinische Diagnose – sie erzählt von einer Gesellschaft im Dauerstress.

„Ich muss noch kurz einmal die Welt retten und 148 Mails checken“, singt Tim Bendzko und trifft damit einen Nerv der Gegenwart. Auch wenn das Büro längst geschlossen ist, bleibt das Smartphone immer griffbereit, sodass man nervös wird, wenn die Batterie nur noch 40 Prozent anzeigt. Und am Ende des Tages, kurz bevor die Augen erschöpft zufallen, gibt es noch einen letzten Blick auf den digitalen Terminkalender, der so ausgefüllt ist, dass man ihn mit Stolz betrachtet. Der Rückzug ins Private ist wie die Vorstellung vom Paradies zur Illusion geworden, was nicht ohne Konsequenzen bleibt. Fast jede zweite neue Berufsunfähigkeit geht heute auf psychische Erkrankungen zurück. Hinter dieser Zahl steht keine individuelle Schwäche, sondern System.

Transformation zur Selbstausbeutung

„Selbstausbeutung“, nennt der Philosoph Byung-Chul Han, dieses postmoderne Phänomen, bei dem der Mensch nicht mehr von äußeren Autoritäten diszipliniert wird, sondern sich im Namen von Freiheit, Selbstverwirklichung und Erfolg freiwillig bis zur Erschöpfung antreibt. In den 1990er-Jahren war der Arbeitsplatz noch ein Rückzugsort gewesen, der den Mitarbeitenden Schutz und Sicherheit bot. Er war ein physischer Ort mit klaren Mauern, festen Routinen und eindeutigen Hierarchien – Strukturen, die Schutz und Vorhersehbarkeit boten. Wer seinen Platz im System kannte, verfügte über eine stabile Identität, wie der Soziologe Richard Sennett schrieb. Mit dem Verlassen des Arbeitsplatzes konnte man die Arbeit „hinter sich lassen“. Durch die Digitalisierung ist dieser Schutzraum weitgehend verschwunden. Aus der Disziplinargesellschaft, geprägt von Verboten, Abgrenzung und klaren Anweisungen von oben, entwickelte sich eine „Gesellschaft der Positivität“, wie Han sie nennt. In ihr dominieren Selbstoptimierung, Leistungsbereitschaft und permanente Verfügbarkeit. Nicht mehr der Fabrikdirektor zwingt zur Mehrarbeit – wir tun es selbst. Die physischen Grenzen, die durch Bürowände Präsenz oder Abwesenheit signalisierten, existieren kaum noch. Die Verortung des Angestellten ist irrelevant geworden, da er jederzeit erreichbar ist. Diese Entwicklung eröffnet neue Freiheiten für vormals fremdbestimmte Arbeitskräfte. Man ist nun scheinbar Unternehmer der eigenen Mission. Doch diese Freiheit hat ihren Preis. Plattformen wie LinkedIn illustrieren dieses Prinzip: Freizeit, Hobbys, ehrenamtliches Engagement oder sogar Krankheiten werden in „Learning Moments“ verwandelt. Das Individuum vermarktet seine gesamte Existenz als Kapital. Einen echten Rückzugsort gibt es nicht mehr, weil jede private Erfahrung potenziell karrierefördernder Content sein kann. Der Schutz der Fremdbestimmung wich einer Freiheit, in der man sich freiwillig bis zur Erschöpfung ausbeutet.

Erwünschte Ungleichheit

Dieser Zwang zur Selbstausbeutung ist aber nicht erst durch die Digitalisierung entstanden. Die Kraft des eigenen freien Willens wird seit der Aufklärung propagiert. Diese Geisteshaltung hat jedoch eine Kehrseite, erklärt die Rechtsphilosophin Marietta Auer, denn damit fallen systematisch Menschen aus der Gesellschaft heraus. Friedrich Hegel spitzte es zu, indem er schrieb, es entstehe ein Pöbel. Ein abgehängtes Prekariat entsteht also aus der Struktur des Wettbewerbsgedankens, so Auer weiter. „Die moderne Gesellschaft verspricht, dass jeder durch Anstrengung zu einem gelungenen Leben kommen kann. Der Witz ist, indem das marktförmig stattfindet, kann es nicht sein, dass dieses Versprechen für jeden erfüllt wird. Also wird ein Versprechen hier systematisch gebrochen.“ Sie konkludiert: „Das ist die Schattenseite der modernen Gesellschaft.“ Daraus folgt eine systematische Ungleichheit in der Gesellschaft, die jedoch immer weniger als Strukturproblem wahrgenommen wird. Erfolg und Scheitern erscheinen als rein persönliche Verantwortung. Armut gilt als Folge individueller Defizite und ist nicht die Folge von Chancenungleichheit. Der Sozialpsychologe Melvin Lerner prägte dafür den Begriff des „Gerechte-Welt-Glaubens“. Dieses gut erforschte Phänomen beschreibt das menschliche Bedürfnis, an eine grundsätzlich gerechte Welt zu glauben, in der jeder bekommt, was er verdient. Ungleichheit erscheint dadurch sogar legitim, da sie in einer vermeintlichen Welt der Chancengleichheit als natürliche Folge unterschiedlicher Leistungen interpretiert wird. Die Tendenz, persönliche Eigenschaften zu überschätzen und äußere Umstände zu unterschätzen, bezeichnete der Soziologe Fritz Heider als „fundamentalen Attributionsfehler“. Dieser ist in westlich-individualistischen Kulturen besonders ausgeprägt. Wer zum Beispiel einem Obdachlosen begegnet, denkt eher an mangelnde Disziplin als an strukturelle Ursachen wie Schicksalsschläge oder hohe Wohnkosten. Der Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt, dass es heute kaum noch eine äußere Instanz gibt, der man Versagen zuschreiben kann. Die Folge ist tiefe innere Erschöpfung, da man sich permanent neu erfinden und optimieren muss. Statistische Befunde zeigen zudem, dass in wohlhabenden Gesellschaften das Ausmaß der Ungleichheit maßgeblich die Gesundheit beeinflusst. In den Vereinigten Staaten stagniert die Lebenserwartung seit Mitte der 2010er-Jahre und sank zwischenzeitlich sogar deutlich. 2022 lag sie bei rund 76 Jahren – mehrere Jahre unter jener von Japan oder Schweden, die als vergleichsweise egalitäre Gesellschaften gelten. Eine große Meta-Analyse der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation zeigt, dass Menschen mit mehr als 55 Wochenarbeitsstunden ein signifikant erhöhtes Risiko für Schlaganfälle oder koronare Herzkrankheiten tragen. Betroffen sind häufig nicht prekäre Niedriglohnjobs, sondern Management- und Wissensberufe.

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