Von der spezialisierten Ruhestandsplanung bis zur modernen Arbeitskraftabsicherung: Österreichs Vorsorgemarkt ist in Bewegung, das Titelthema in der März Ausgabe von risControl.
Von Mag. rer. soc. oec. Jürgen Ephraim Holzinger, Obmann des Vereins ChronischKrank Österreich: „In einer Ära, in der Instagram, Facebook und ähnliche Plattformen fest zur Gesellschaft und zu unserem Konsumverhalten gehören und wir Urlaubs- sowie Freizeitfotos oder Einkaufserlebnisse mit Freunden, Familie oder Followern teilen, fällt es zunehmend schwer, über negative Erfahrungen oder sogar über Erkrankungen zu sprechen. Es ist eben leichter, das „tolle Leben“ nach außen zu präsentieren, statt die eigenen Probleme und Sorgen zu schildern. Zusätzlich sind heute die technischen Möglichkeiten unter dem Begriff der „KI“ beinahe unendlich und lassen vieles im persönlichen Umfeld als Selbstverständlichkeit wirken. Dieses Verhalten – zum Beispiel das Verschweigen eigener gesundheitlicher Probleme bei gleichzeitiger Inszenierung von Freizeit und Erholung – kann langfristig schwere Folgen – unter anderem im psychischen Bereich – nach sich ziehen.
Laut dem Gesundheitsministerium leiden knapp 66 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren an einer chronischen Erkrankung oder Gesundheitsproblemen. Sie sind großteils auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen, etwa unzureichende Bewegung, eine unausgewogene Ernährung und Alkohol- sowie Nikotinkonsum. Besonders betroffen ist die psychische Gesundheit, was sich auch in den jährlichen Anträgen auf Berufsunfähigkeitspension widerspiegelt. Die Zahl verdeutlicht den hohen Handlungsbedarf für Betroffene, deren Angehörige und weitere Akteure im Gesundheits- und Sozialwesen. Prävention in allen Lebensbereichen – Psyche, Körper, soziale Beziehungen und Erwerbsarbeit – ist entscheidend für die gesundheitliche Entwicklung. Die Versicherungsbranche trägt hierbei ebenfalls Verantwortung: Sie sollte – oder anders ausgedrückt – sie muss Kunden über Chancen und Risiken einer verminderten Arbeitsfähigkeit informieren und deutlich machen, wie gravierend die Folgen einer fehlenden Absicherung sind. Neben der Versicherungswirtschaft stehen auch politische Entscheidungsträger in der Verantwortung, Menschen beim Thema Berufsunfähigkeit besser aufzuklären und sensibler zu machen. Lange wurde von Seiten der Politik die starke Absicherung der Pensionen betont – auch im Krankheitsfall – und der Sozialstaat in höchsten Tönen gepriesen. Doch wenn der Ernstfall eintritt, offenbaren sich die Schwächen des Systems: Es zeigen sich große Lücken im realen Krankheitsalltag. Dabei zeigen sich große Lücken im realen Krankheitsalltag. Erst dann wird vielen Betroffenen schmerzlich klar, wie dringend eine Absicherung zur richtigen Zeit gewesen wäre.
In Österreich hinkt die Absicherung der eigenen Erwerbsfähigkeit deutlich hinter Deutschland her. Während eine Vollkaskoversicherung für Autos hierzulande praktisch selbstverständlich ist und der Preis kaum ins Gewicht fällt, wird der Schutz der eigenen Arbeitskraft – ebenso wie der von schulpflichtigen oder studierenden Kindern – deutlich weniger wahrgenommen und oft vernachlässigt. Es fehlt schlicht und ergreifend an öffentlicher Sensibilisierung. Aber was erwartet nun Betroffene im Bereich der BU-Absicherung? Ist auch hier das Stichwort künstliche Intelligenz als Lösung für alles? Aus Sicht des Vereins ChronischKrank Österreich unter Obmann Mag. Jürgen Holzinger ist gerade das Thema BU in Österreich eine große „Baustelle“, die dringend einer Sanierung bedarf. Zusätzlich bedarf es einer massiven Sensibilisierung auf allen Ebenen, um die öffentliche Diskussion und somit eine breite Wahrnehmung in der Gesellschaft zu verstärken. Bei der öffentlichen Sensibilisierung kann auch KI einen wirkungsvollen Beitrag leisten, als Beispiel sei hier an große Aufklärungskampagnen in den Sozialen Netzwerken zu denken.
Die im Jahr 2014 umgesetzte Reform im Bereich Berufsunfähigkeit ist schon seit vielen Jahren ein Thema mit großen Herausforderungen. Generell war die Zielsetzung, Betroffene schnellstmöglich zu rehabilitieren und eine Wiedereingliederung ins Erwerbsleben zu fokussieren. Zugleich war damit ein Sparen im Budget angedacht. Dass diese Ziele bereits seit vielen Jahren nicht erreicht wurden, wurde auch vom Rechnungshof mehrfach aufgezeigt. Sparen ist auch 2026 das Stichwort in vielen Bereichen und so ist die Perspektive im Bereich der BU aus Sicht der Praxis wohl eher kritisch zu beurteilen.
Die Reform von Reha-Geld, Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspension ist nach wie vor Thema und konkrete Maßnahmen sowie deren Umsetzung sind in der ersten Jahreshälfte 2026 noch unbekannt. Generell sind folgende Themen angedacht. Es soll eine flexiblere Möglichkeit der Beurteilung, sogenannte Zwischenstufen oder anders ausgedrückt, Modelle einer teilweisen Erwerbsfähigkeit bei gesundheitlichen Einschränkungen geben. Zudem soll eine Evaluierung der Neubeurteilung nach einem Jahr sowie eine Verbesserung und Standardisierung bei der Reha-Geld-Begleitung für Betroffene eingeführt werden. Rehamaßnahmen während des Bezugs von Reha-Geld sollen ausgebaut, forciert und über eine einheitliche Beurteilungsstelle abgewickelt werden.


