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Silber Déjà vu: Wenn alle bullisch sind, wird es gefährlich

von Michael Kordovsky

Der Silberpreis hat in den vergangenen Monaten eine Dynamik entwickelt, die an 2011 erinnert: In Euro gerechnet liegt das Metall auf Sicht von sechs Monaten rund +133 Prozent im Plus und auf fünf Jahre bei über +250 Prozent. Auf YouTube überbieten sich Financial Influencer mit dreistelligen Kurszielen, während kritische Stimmen kaum noch vorkommen. Genau dieses Stimmungsbild ist es, das Anleger stutzig machen sollte. Märkte kippen oft nicht wegen schlechter Nachrichten, sondern weil bereits zu viele gute Nachrichten eingepreist sind.

Was trieb den Anstieg 2011? Damals war Silber ein Seismograf der Angst. Nach der Finanzkrise und während der eskalierenden Euro Schuldenkrise traf eine Flucht in Sachwerte auf ultra lockere Geldpolitik. In den USA verstärkten die Streitigkeiten um die Schuldenobergrenze den Safe Haven Reflex, gleichzeitig schürten die quantitativen Lockerungsprogramme Inflations und Währungsängste. Silber ist zudem deutlich weniger liquide als Gold. In einem engen Markt reichen spekulative Zuflüsse, um eine parabolische Bewegung auszulösen. Der Höchststand lag Ende April 2011 bei rund 49 Dollar je Unze – ein Preisniveau das erst in der zweiten Jahreshälfte 2025 wieder erreicht und überschritten wurde.

Was ist 2026 anders und was ist gleich? Anders ist, dass Silber heute stärker durch industrielle Anwendungen getragen wird und geopolitische Spannungen sowie Erwartungen sinkender US-Leitzinsen kurzfristig zusätzlich stützen. In den Lagerhäusern von London sind die Silberbestände starke gesunken und mittlerweile wird physisches Silber in China bereits mit einem Aufschlag gegenüber dem Terminmarktsilber des Westens gehandelt. Dass Silber Mitte Jänner 2026 erstmals über 90 Dollar sprang, wird in der internationalen Berichterstattung explizit mit diesen Faktoren verknüpft. Gleich geblieben ist jedoch das Muster der Übertreibung: Ein steiler Preisanstieg zieht Aufmerksamkeit nach sich, Aufmerksamkeit zieht Neugeld nach sich, und Neugeld braucht Geschichten. Genau hier entsteht Blasenlogik, auch wenn es reale Nachfrageargumente gibt.

Sind schon viele „zittrige Hände“ im Markt? Der beste Realitätscheck kommt aus den COT Daten der US Terminmarktaufsicht CFTC. Der Bericht wird wöchentlich am Freitag veröffentlicht und bildet die Positionen vom Dienstag derselben Woche ab. Im disaggregierten Report für Silber (Stand 6. Jänner 2026) sieht man ein klassisches Bild: Die Gruppe Producer Merchant ist deutlich netto short (Long 5.147 vs. Short 30.692 Kontrakte), während Managed Money netto long positioniert ist (Long 26.978 vs. Short 11.156). Das ist nicht automatisch ein Verkaufssignal, aber es zeigt: Profis sichern ab, während trendfolgende Akteure das Momentum spielen. Genau in solchen Phasen sitzen, um Kostolany sinngemäß zu bemühen, zunehmend Stücke in „schwachen Händen“: Wer rein aus der aktuellen Marktstimmung heraus gekauft hat, hat selten die Gelassenheit, eine scharfe Korrektur auszusitzen.

Warum eine Korrektur gerechtfertigt ist:  Erstens spricht die Marktpsychologie dafür: Wenn Kritik verstummt und Kursziele zum Wettbewerb werden, steigt die Wahrscheinlichkeit eines reinigungsartigen Rücksetzers. Vor allem je mehr sich der Preis der psychologisch wichtigen Schwelle von 100 Dollar annähert, desto höher könnte die Volatilität werden.

Zweitens ist Silber als hybrides Metall anfällig für Regimewechsel. Ein Risiko Szenario reicht: fallende Inflationserwartungen, eine überraschend restriktive Notenbankkommunikation oder eine Konjunkturdelle, die industrielle Nachfragefantasien dämpft. Mittlerweile ist in der chinesischen Photovoltaik-Industrie Silber als Rohstoff zu teuer und es kommt immer häufiger zu einer Substitution durch klassische Industriemetalle wie Kupfer.

Drittens: Je steiler der Anstieg, desto wahrscheinlicher die technische Gegenbewegung. Korrekturen sind in einem Bullenmarkt kein Gegenbeweis, sondern oft die Bedingung, damit er weitergehen kann.

Fazit: 2011 war Silber ein Krisen- und Geldpolitik Trade, der in einem illiquiden Markt überhitzt ist. 2026 gibt es mehr Fundament unter der Story, aber auch mehr Hype Kanäle und damit mehr kurzfristiges „Touristenkapital“. Die COT-Daten zeigen ein Marktbild, in dem Absicherung und Trendfolge gleichzeitig laufen. Genau das ist der Stoff, aus dem heftige Schwankungen entstehen. Wer Silber als strategische Beimischung hält, muss deshalb nicht panisch werden. Wer jedoch wegen YouTube Kurszielen nachgekauft hat, sollte sich auf das einstellen, was Blasen immer liefern: Nicht das Ende, aber eine Phase, in der schwache Hände abgeworfen werden, sprich eine scharfe Korrektur – unter Umständen sogar Richtung 40 Dollar.

Erfolg durch Authentizität