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EZB bleibt auf Kurs: Geldpolitik in einer Phase der Feinjustierung

von Michael Kordovsky

Die Europäische Zentralbank hat bei ihrer Sitzung am 5. Februar die Leitzinsen unverändert belassen. Es war ein einstimmig gefällter Beschluss. Der Einlagensatz bleibt bei 4,00 %, der Hauptrefinanzierungssatz bei 4,15 %. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte in der Pressekonferenz, dass die EZB keine automatische oder vorgegebene Zinsentwicklung signalisiere. Die geldpolitische Haltung werde datenabhängig und von Sitzung zu Sitzung überprüft, ohne dass ein fester Pfad für künftige Zinsschritte vorgegeben wird.

Inflation: Rückgang bestätigt, Unsicherheiten bleiben

Die EZB sieht sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass sich die Inflation mittelfristig beim Zwei-Prozent-Ziel stabilisieren dürfte. Die Teuerungsrate sank im Jänner auf 1,7 %, nach 2,0 % im Dezember. Treiber des Rückgangs waren vor allem die Energiepreiskomponente im HVPI, die mit -4,1 % rückläufig war. Die Kerninflation (ohne Energie und Nahrungsmittel) verringerte sich von 2,3 % auf 2,2 %, die Dienstleistungsinflation von 3,4 % auf 3,2 %.

Tariflohnabschlüsse und der EZB-Wagetracker deuteten auf eine weitere Moderation der Lohnkosten hin, auch wenn Bezahlungen über den Tarif Unsicherheit erzeugen. Die meisten Messgrößen der langfristigen Inflationserwartungen halten sich weiterhin im Bereich von 2 % und sprechen für eine Stabilisierung der Inflation auf diesem Niveau. Auf eine Journalistenfrage sagte Lagarde: „Ich würde auf jeden Fall sagen, dass wir uns in einer guten Lage befinden und die Inflation auf einem guten Niveau ist“. Aber angesichts der aktuellen geopolitischen Lage ist ein Inflationsausblick mit Unsicherheit behaftet.

Konjunktur: Widerstandsfähig, aber fragil

Die Wirtschaft des Euroraums wuchs im vierten Quartal 2025 um 1,3 % auf Jahresbasis. Wachstumstreiber war vor allem der Dienstleistungssektor. Der Arbeitsmarkt bleibt robust. Steigende Arbeitseinkommen und niedrigere Sparquoten stützen den Konsum. Die Arbeitslosenquote sank im Dezember auf 6,2 %. Lagarde räumte allerdings auf Nachfrage ein, dass die offenen Stellen moderater wachsen als in der Vergangenheit. Insgesamt sei der Arbeitsmarkt aber „weiterhin aktiv“.

Unsicherheiten ergeben sich laut EZB vor allem aus dem globalen Umfeld. Eine Stimmungsverschlechterung an den Finanzmärkten, Handelskonflikte, geopolitische Spannungen und ein stärkerer Euro könnten die Nachfrage dämpfen. Gleichzeitig sieht der EZB-Rat Aufwärtspotenzial durch geplante öffentliche Rüstungs- und Infrastruktur-Investitionen, Produktivitätsgewinne und Einsatz neuer Technologien in den Unternehmen. Lagarde verwies in der Fragerunde ausdrücklich auf steigende private Investitionen in Rechenzentren, Software und Hardware, deren produktivitätswirksamer Effekt sich jedoch erst verzögert zeigen werde.

Risikoeinschätzung und Wechselkurseinflüsse

Nach der Risikoeinschätzung befragt, erklärte Lagarde: „Was unsere Risikoeinschätzung angeht, so werden Sie festgestellt haben, dass wir sowohl in Bezug auf die Konjunktur als auch in Bezug auf die Inflation einen „Ein-Hand-anderer-Hand“-Ansatz verfolgen. Wenn man sich das Gleichgewicht zwischen beiden ansieht, befinden wir uns – wie ich es nennen würde – in einer weitgehend ausgeglichenen Situation, was die Risikobewertung angeht. Einige Risiken haben zugenommen, andere haben abgenommen. Unter dem Strich sind wir jedoch der Ansicht, dass wir uns derzeit in einer weitgehend ausgeglichenen Situation befinden, wenn man die verschiedenen spezifischen Elemente berücksichtigt, die wir möglichst umfassend auflisten“.

Auch zur Wechselkursentwicklung äußerte sich Lagarde auf Nachfrage: Der Euro werde nicht gezielt gesteuert, sei aber für Inflation und Wachstum relevant. Deshalb behält die EZB die Wechselkursentwicklung im Auge. Ein zu starker Euro kann die Exportwirtschaft schwächen und Importe verbilligen, was dann eine zusätzliche Dämpfung der Inflation bedeuten würde.

Fazit

Die EZB sieht sich geldpolitisch nahe am Ziel, aber noch nicht am Ende des Weges. Der Zinszyklus nähert sich seinem Ende. Es wird zunehmend wahrscheinlicher, dass der nächste Zinsschritt nicht mehr in Form weiterer Erhöhungen erfolgt. Unter bestimmten Schwächeszenarien sind Zinssenkungen nicht ausgeschlossen, ohne dass die EZB hierfür einen Zeitpunkt vorgibt. Doch am wahrscheinlichsten ist folgendes: Für die kommenden Monate bleibt die Geldpolitik ein Balanceakt zwischen Geduld, Datenabhängigkeit und der Bereitschaft, bei Bedarf rasch zu reagieren.

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