Über die Qualität verschiedener Pinsel, einen blühenden Kirschbaum und die Aktualität des Dadaismus
An einem Wochenende in diesem noch jungen April sind Kurt und ich in seinem Garten und restaurieren vier alte Gartenstühle, die ihm ein Bekannter geschenkt hat, weil sie ihm nicht mehr gefallen. „Jeder wie er glaubt“, meint Kurt und schaltet die Schleifmaschine ein; die Stühle sind aus massivem Holz und brauchen nur etwas frische Farbe und den einen oder anderen neuen Schrauben.
Nach dem Schleifen machen wir uns mit Holzschutzlasur ans Werk; zu zweit geht es schneller und wir plaudern entspannt über dieses und jenes.
„Diese Pinsel da sind übrigens echt klasse“, stelle ich bald fest. „Liegen gut in der Hand, verlieren keine Haare, tropfen nicht und tragen die Farben schön gleichmäßig auf. Wo hast du sie her? Ich frage, weil die letzten, die ich gekauft habe, echt schlecht waren. Von Anfang an haben sie die Haare verloren, aber nicht eins, sondern drei oder vier bei nur einem Pinselstrich. Also selbst für weniger anspruchsvolle Arbeiten komplett unbrauchbar.“
„Die Pinsel da habe ich über eine bekannte chinesische Oline-Plattform erworben“, erwidert Kurt und flüstert mir den Namen besagter Plattform ins Ohr, als wäre er ein großes Geheimnis.
„Du kaufst bei den Schinesen?“, frage ich erstaunt, wobei ich das Wort Chinesen bewusst (wie in manchen Teilen Deutschlands üblich) als Schinesen ausspreche. „Ich kann mich noch erinnern, dass du in verschiedenen Geschäften warst, um Glühbirnen zu kaufen, die nicht Made in China sind.“
„Ja, ja“, sagt Kurt, „das ist in der Tat noch gar nicht so lange her, aber seitdem hat sich einiges geändert – und auch ich habe mich verändert. Und du wärst erstaunt, wenn nicht sogar erschüttert, zu wie vielen wichtigen Aspekten der Welt, in der wir leben, ich inzwischen diametrale Sichtweisen zu früher einnehme. Aber darüber will ich jetzt nicht reden. Was die Schinesen anbelangt, nur zwei Dinge: Ich lese immer wieder über die angeblich schlechte Qualität des Ramsches aus China, aber wie diese Pinsel hier beweisen, bringen die Schinesen tolle Produkte zu einem fantastisch günstigen Preis auf den Markt. Außerdem: Was verkaufen sie uns denn in den diversen Baumärkten hierzulande? Qualität Made in Germany? Wohl eher nicht! Und der sehr bekannte US-amerikanische Online-Händler, du weißt schon …“
„Ja, ich weiß“, ich nicke.
„Also dieser sehr bekannte US-amerikanische Online-Händler verkauft auf seiner Plattform zu 70% Produkte Made in China – sagt zumindest die ebenfalls sehr bekannte US-amerikanische Suchmaschine mit KI-Unterstützung, du weißt schon …“
Wiederum sage ich: „Ja, ich weiß“, und nicke.
„Und da ist noch etwas“, fährt Kurt fort. „Auch höre und lese ich andauernd von der Bedrohung, die angeblich von China ausgeht. Nun, wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, aber wir können einiges aus der Geschichte lernen: China war in den letzten 50 Jahren exakt in einen einzigen Krieg involviert, damals 1979 mit Vietnam, der aber nur wenige Wochen dauerte und inzwischen 47 Jahre her ist. Hingegen waren und sind unsere guten transatlantischen Freunde mit den Westernstiefeln fast an jedem einzelnen verdammten Krieg beteiligt, an den ich mich erinnern kann – und über den jüngsten, aktuellen will ich gar nicht erst reden.“ Kurt atmet tief durch. „In gewisser Weise sind also meine Einkäufe bei den Schinesen nicht nur ökonomisch sinnvoll für mich, sondern auch ein politischer Protest. Ja, wo ich es sage: In gewisser Weise bin ich ein politischer Aktivist!“
Wir streichen weiter die Gartenstühle mit unseren schinesischen Pinseln, die wirklich gut in der Hand liegen und immer noch keine Haare verlieren.
Nach einiger Zeit, als wir die Arbeit für diesen Tag beenden (wir sind sehr zufrieden mit unserem Werk) setzen wir uns auf Kurts Terrasse und gönnen uns ein Bier Made im Waldviertel.
Kurt lenkt meine Aufmerksamkeit auf seinen Kirschbaum, der an diesem Tag in voller Blüte steht. „Herrlich, nicht wahr?“, sagt er und ich stimme aus tiefster Überzeugung zu: „Wunderschön, wirklich wunderschön!“
Wir genießen die Ruhe auf der Terrasse, die Sonne scheint warm und kein Lüftchen regt sich. Nach einer Weile frage ich Kurt, wie es ihm mit seinem Studium der asiatischen Philosophie geht.
„Gut“, sagt er, nickt und schweigt, offenbar für einige Momente völlig mit sich eins und im Reinen.
Schließlich fragt er mich unvermutet: „Was sagt dir der Begriff Dada?“
„Dada? Äh … meinst du den Dadaismus, also die revolutionäre Kunstrichtung, die rund um den ersten Weltkrieg als Protest gegen die Sinnlosigkeit und Absurdität des Krieges entstanden ist?“
„Ganz recht! Diese Künstler haben mit allen möglichen provokativen Mitteln gearbeitet und heute noch gilt dadaistisch als Synonym für abenteuerlich, abwegig, aberwitzig, absurd, abstrus, bizarr, fantastisch, fragwürdig, grotesk, haltlos, nicht nachvollziehbar, unbegründet u.s.w. − sagt zumindest die Suchmaschine, vor der wir heute schon mal gesprochen haben.“
„Interessant“, stimme ich zu und warte auf die Pointe.
Dann Kurt: „Es gibt inzwischen ja etliche Leute, die um die geistige Gesundheit des alten Mannes fürchten, der gerade einen Ballsaal an das Weiße Haus anbauen lässt. Ich vermute, er ist gar nicht wahnsinnig, er ist bloß ein ebenso unverstandener wie genialer Dadaist, dem durch einen gröberen Kurzschluss im Hirn die zentrale pazifistische Komponente von Dada verloren ging.“


