Einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, dass sich im Archiv des Autors Andreas Dolezal einige historische Printexemplare von Wirtschaftsmagazinen aus den 1960er Jahren, wie zum Beispiel „Capital“, befinden. Ein Blick in die Ausgabe vom Juli 1966 fördert – insbesondere im Vergleich zu heutigen HVs – amüsante Anekdoten aus 60 Jahre zurückliegenden Hauptversammlungen deutscher Börsenkonzerne zu Tage.
Alljährlicher Fixpunkt
Nicht nur für Vertreter großer Aktienpakete, wie Banken und Fondsgesellschaften, sind die alljährlichen Hauptversammlungen (HVs) der börsennotierten Konzerne ein Pflichttermin, sondern auch für viele kleine, private Aktionäre. Im Fokus stehen Jahresabschluss und Lagebericht des abgelaufenen Geschäftsjahres, Wahlen in den Aufsichtsrat sowie Beschlussfassungen zur Gewinnverwendung und zu Vergütungen für Vorstand und Aufsichtsrat. Immer wieder nutzen (Klein-)Aktionäre die Gelegenheit auch dazu, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, denn die Vorstände müssen Rede und Antwort stehen.
Virtuell löst Präsenz ab
Noch 2024 fand die Hauptversammlung der BASF SE im Congress Center Rosengarten in Mannheim statt. Berichten zufolge nahmen bis zu 6.000 Aktionäre daran teil. Die letzte HV mit physischer Teilnahme der Volkswagen AG fand im Mai 2023 im CityCube Berlin statt, einem Kongresszentrum für bis zu 11.000 Personen. Die BMW AG hingegen mietete für die HV auch noch im Mai 2025 die Münchner Olympiahalle für etwa 3.000 anwesende Aktionäre. Viele deutsche Börsenkonzerne gehen mittlerweile dazu über, ihre HVs nur mehr virtuell ohne Präsenz von Aktionären abzuhalten. Die Kosten und der hohe organisatorische Aufwand sind wohl ausschlaggebende Gründe dafür. VW gab bereits für die HV im Jahr 1965 für 2.000 anwesende Aktionäre etwa 1,2 Mio. D-Mark aus – stolze 600 D-Mark je Aktionär. BASF zahlte für 3.500 Anwesende immer noch 300.000 D-Mark. Die Deutsche Linoleum AG ließ sich jeden der nur 50 anwesenden Aktionäre sogar 1.200 D-Mark kosten. Auch in Österreich sind neuerdings virtuelle Hauptversammlungen möglich. Besonders beliebt ist dieses Format aber bisher nicht. Die HVs von ATX-Konzernen finden nach wie vor in großem Messe- bzw. Eventhallen statt, jene der OMV AG beispielsweise im VIECON (vormals Messe Wien), jene der Vienna Insurance Group in der Stadthalle Wien, Halle F, mit bis zu 2.000 Sitzplätzen.
Buffet und Geschenke
Auf üppige Buffets und Geschenke zu spitzen, rechnet sich heutzutage auch bei Präsenz-HVs nicht mehr. Das war in den 1960er Jahren noch anders. Commerzbank-Direktor Herbert Wolf leugnete 1966 nicht, dass die „Präsenz schwankt, je nachdem, was geboten wird.“ Viele Aktionäre orientieren sich seiner Meinung nach an der Speisekarte. Die Textil-Firma Girmes-Werke AG schenkte jedem Aktionär einen kleinen Teppich mit Selbstkostenpreis von 30 D-Mark. „Rechnet man die Dividende und das kalte Buffet hinzu, kommen die Aktionäre auf eine Dividende von 60 %.“, wird Girmes-Justitiar Dr. Georg von Wick zitiert. Zum 75-jährigen Firmenjubiläum spendierte Philips seinen Aktionären einen Haartrockner oder einen Mixer. „Aber im nächsten Jahr“, kündigte Philips-Sprecher Alfred Sanio an, „ist es mit dem Bonus vorbei.“
Von Schnaps bis Sprudel
VW servierte bei der HV 1966 beispielsweise „Imbiß, warme und kalte Getränke“, BASF ein „Lunchpaket und Getränke“ und Linde „Weißwurst und Bier“. Besonders spendabel zeigte sich die Dortmunder Union-Brauerei DUB AG. Bei deren HV gab es nicht nur ein warmes Mittagessen und „Rauchwaren für 3 D-Mark pro Kopf“, die Aktionäre konnten sich auch an „8 bis 10 Alkoholika – vom DUB-Bier bis zum Schnaps“ laben. Bei der HV der Berliner Brauerei Schultheiß gab zur kalten Platte so viel Bier und Sprudel wie jeder Aktionär trinken konnte. Die Versammlung war so beliebt, dass Aktionäre ihren Besitz stückelten und die ganze Verwandtschaft mitbrachten. „Früher“, so heißt es bei der Berliner Brauerei, „boten wir den Aktionären ein auserlesenes Büfett. Aber dann passierten unwürdige Dinge. Zum Schluß gingen einige Leute mit den Händen in die Salate.“
Kolossale Fehlplanung
Der VEBA AG (Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG, im Jahr 2000 in der E.ON AG aufgegangen) prognostizierte ein Beratungsinstitut für die erste Hauptversammlung im Jahr 1966 stolze 38.000 teilnehmende Kleinaktionäre. Die VEBA-Leute trauten dieser Prognose nicht und richteten sich auf 20.000 Teilnehmer ein. 1.500 Helfer, „vom Mann am Computer über die Garderobenfrau bis zum Parkwächter“, probten nach einem über 100 Seiten starken Organisationsplan die Premiere. Als der Aufsichtsratsvorsitzende am 5. April 1966 die Versammlung eröffnete, waren nur 2.600 Aktionäre in das riesige Oval der Dortmunder Westfalenhalle und die vier zusätzlich gemieteten Nebensäle gekommen. Zwar waren wenige Leute anwesend, aber dennoch zwei Drittel des Kapitals. Beschlussfassungen waren trotz Desinteresse der Kleinaktionäre möglich. Peinlicherweise übertrug das Zweite Deutsche Fernsehen ZDF die Veranstaltung direkt. 30.000 übrig gebliebene Würstchen verkaufte die VEBA an die deutsche Bundeswehr. Dennoch summierten sich die Kosten der HV auf 2 Mio. D-Mark, was rund 770 D-Mark je anwesendem Aktionär entspricht. Wobei sich alleine das Porto für die (damals ausschließlich postalisch) versendeten HV-Unterlagen auf 800.000 D-Mark summierte.



