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Wenn Öl und Zinsen gleichzeitig beißen

von Michael Kordovsky

An den Märkten wird es nicht dann gefährlich, wenn Schlagzeilen laut werden, sondern wenn Liquidität knapper wird, Risikoaufschläge steigen und Öl die Inflation antreibt.

Kritisch wird es meist dann, wenn mehrere Stressfaktoren gleichzeitig auftreten: hohe Bewertungen, straffe Geldpolitik, steigende Risikoaufschläge, eine flache bis inverse Zinskurve sowie anziehende Volatilität. In den USA schrumpfte von März 2022 bis Oktober 2023 die Geldmenge M2 um 4,8 %, während die Fed die Zinsen von 0,00 bis 0,25 % auf 5,25 bis 5,50 % anhob. Der S&P 500 gab vom 4. März 2022 bis 27. Oktober 2023 um 4,9 % nach.

Ein Gradmesser für Risikofreude sind High Yield Spreads. Der US-High-Yield-Spread lag per 23. April 2026 bei niedrigen 2,86 Prozentpunkten. Springt ein solches Niveau binnen Tagen oder Wochen um ein Viertel nach oben, wäre das ein klares Alarmzeichen. Ergänzend lohnt der Blick auf die Volatilität: Der VIX lag am 24. April bei 18,71 Punkten und signalisiert noch keinen Panikmodus. Mehren sich Vola-Spitzen und fließt Geld aus Aktienfonds, EM-Bond- und HY-Bond-Funds ab, deutet dies auf Nervosität hin.

Auch eine Verflachung bis Invertierung der Zinskurve bleibt kritisch, vor allem wenn 3-Monats-Treasury Bills höher rentieren als zehnjährige US-Treasuries. Zwar lieferte die inverse Zinskurve von Oktober 2022 bis Dezember 2024 ein Fehlsignal, historisch bleibt sie aber wichtig.

Zinsen als Krisenverstärker

Zinsanstiege sind selten alleiniger Auslöser, aber häufig jener Co-Faktor, der Verwundbarkeit in eine Krise dreht. Vor dem Crash vom 19. Oktober 1987, als der Dow Jones an einem Tag 22,6 % verlor, war die Federal Funds Effective Rate von Jahresanfang bis Anfang Oktober von 6,43 auf 7,29 % gestiegen. Vor der Asienkrise 1997/98 hob die Fed am 25. März 1997 ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 5,50 % an. In Asien selbst stiegen laut IWF die realen Zinsen in Korea auf über 20 % und in Thailand auf rund 15 %. Vor der Bankenkrise 2008/09 hatte die Fed den Leitzins von 1,0 % auf 5,25 % angehoben. Nach Pandemie und Ukrainekrieg folgte ab 2022 erneut der härteste Zinszyklus seit Jahrzehnten.

Ölschock plus Zinsdruck

Besonders gefährlich wird es, wenn der Zinsdruck mit einem Ölpreisschock zusammenhängt. Die Historie ist ernüchternd: Auf Yom-Kippur-Krieg und OPEC-Embargo 1973/74 folgte eine Rezession von November 1973 bis März 1975. Nach der Iranischen Revolution 1978 bis 1980 kam es zu zwei Rezessionen. Die Kuwaitkrise 1990/91 mündete in eine Rezession von Juli 1990 bis März 1991. Beim Nachfrageboom mit Brent-Peak von 147,40 $ je Barrel am 11. Juli 2008 lief die Rezession von Dezember 2007 bis Juni 2009. Ölschocks waren damit ein wichtiger Co-Faktor.

Die aktuelle Lage zeigt, warum Öl gefährlich bleibt. Die US-Energiebehörde EIA meldete Anfang April, dass die Ölströme durch die Straße von Hormus weiter eingeschränkt sind. Für März schätzt sie Produktionsausfälle von 7,5 Mio. Barrel pro Tag, für April 9,1 Mio. Barrel. Die Brent-Prognose für 2026 wurde von 79 auf 96 $ je Barrel angehoben; im zweiten Quartal erwartet die EIA einen Peak bei 115 $. Gleichzeitig verteuern sich Diesel und LNG, Lieferwege bleiben gestört und ein geopolitischer Risikoaufschlag bleibt im Markt.

Fazit: Kritisch wird es nicht wegen eines einzelnen Indikators. Gefährlich wird die Lage, wenn straffe Geldpolitik, ausweitende Credit Spreads, Liquiditätsabflüsse und ein Ölpreisschock zusammenfallen. Dann kippt Risikofreude in Risikoaversion.

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