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Öl über 100 Dollar: Droht die nächste Inflationswelle?

Kommentar von Michael Kordovsky

Entscheidend ist weniger, ob Brent an einzelnen Tagen über 100 Dollar notiert, sondern wie lange sich der Ölpreis dort hält. Die jüngste Korrektur nach Hoffnungen auf eine Entspannung im Nahen Osten nimmt kurzfristig Druck aus dem Markt. Würde sich Brent jedoch über Monate oberhalb von 100 Dollar festsetzen, wäre das Inflationsrisiko deutlich größer als im aktuellen Basisszenario der EZB. Dieses unterstellt für Brent im Jahresdurchschnitt 2026 nur 89,5 Dollar je Barrel, für 2027 78 Dollar und für 2028 73,6 Dollar.

Der erste Effekt käme rasch über Treibstoffe und andere Energiekomponenten. Laut EZB werden Veränderungen bei Rohöl- und Raffineriepreisen gewöhnlich innerhalb von drei bis fünf Wochen auf die Verbraucherpreise für Kraftstoffe übertragen. Danach beginnt der langsamere zweite Teil: Höhere Transport-, Produktions- und Vorleistungskosten wandern in Waren, Dienstleistungen und Nahrungsmittel. Schon im Basisszenario erwartet die EZB, dass diese indirekten Effekte die Kerninflation verzögert nach oben drücken. Die Gesamtinflation soll 2026 im Schnitt 3,0 Prozent und 2027 noch 2,5 Prozent betragen; ohne Energie und Nahrungsmittel werden für 2027 sogar 2,6 Prozent erwartet. Die Nahrungsmittelinflation könnte im dritten Quartal 2027 bei 3,4 Prozent ihren Höhepunkt erreichen.

Ein dauerhaft dreistelliger Ölpreis würde diese Annahmen infrage stellen. Wie groß der Effekt wäre, hängt allerdings nicht nur vom Öl ab. Wechselkurs, Gas- und Strompreise, Raffineriemargen, Löhne und die Weitergabe höherer Kosten durch Unternehmen entscheiden darüber, ob aus einem Energieschock eine breitere Inflationswelle wird.

Zinsen länger hoch?

Wie empfindlich die Wirtschaft auf einen länger anhaltenden Energieschock reagieren könnte, zeigen die aktuellen EZB-Szenarien. Im adversen Szenario liegt Brent Ende 2026 bei 99 Dollar und die Inflation 2027 bei 3,2 Prozent. Das reale BIP wächst dann nur um 1,1 Prozent. Im schwerwiegenden Szenario, das zusätzlich stark steigende Gaspreise, größere Unsicherheit und kräftigere Zweitrundeneffekte unterstellt, kostet Brent Ende 2026 132 Dollar und Ende 2028 noch 115 Dollar. Dann würde die Inflation 2027 auf 5,4 Prozent steigen, die Kerninflation auf 3,5 Prozent, während das Wachstum auf 0,4 Prozent sinkt. Das ist keine Prognose, sondern ein Stressszenario.

Für die Notenbanken wäre ein solcher Mix besonders unangenehm: schwächeres Wachstum bei gleichzeitig höherer Inflation. Die EZB hat ihren Einlagenzins am 10. September bereits um 25 Basispunkte auf 2,50 Prozent angehoben und verweist ausdrücklich auf den Inflationsdruck durch den Nahostkonflikt. Auch die Fed erhöhte am 16. September ihre Zielspanne um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent. Solange längerfristige Inflationserwartungen und Löhne nicht deutlich reagieren, müssen Notenbanken einen Ölpreisschock nicht vollständig mit höheren Zinsen bekämpfen. Bleibt Öl jedoch dauerhaft über 100 Dollar und frisst sich der Kostenschub in Kernpreise, Löhne und Erwartungen, sind trotz zu erwartender Konjunkturschwäche weitere Straffungsschritte wahrscheinlicher. Im schlimmsten Fall kann, ähnlich wie in früheren Ölschocks, ein neues „Hochzinsszenario“ eine Rezession auslösen.

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