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Fünf Punkt Sechs

von Mag. Christian Sec

Ja, die KI ist ein Segen. Sie erleichtert meine Arbeit, die Recherche, die Analyse, das Schreiben. Ja genau, vor allem das Schreiben. Früher dachte ich, ich könnte schreiben und denken – vielleicht sogar so gut wie ein richtiger Poet im Gewand eines profanen Wirtschaftsautors. Und nun kam Fünf Punkt Sechs! Jedes Mal, wenn ich Fünf Punkt Sechs um Überarbeitung eines Gedankens oder einer Formulierung bitte, schlägt es/er/sie mir mindestens drei Alternativen vor, die mir tausendmal klüger vorkommen als mein mickriges Original.

Vielleicht ist es gut, mich so vor den Kopf zu stoßen und mich auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Neckisch fragt die Maschine: „Soll ich es dir literarischer oder wissenschaftlicher oder journalistischer formulieren?“ Fünf Punkt Sechs stellt sein Licht nicht unter dem Scheffel, während es mir gleichzeitig ganz nonchalant, zwischen den Zeilen mitteilt, was sie von meinen Vorschlägen hält: „Was immer du tust, ich tue es besser.“ Das geht so weit, dass ich das Vertrauen in meine eigenen Gedanken verliere. Ich arrangiere mich mit meinem Henker, denn einmal in die Falle dieses Tools getappt, gibt es kein Entrinnen mehr – es ist mein Prinzipal und ich der Sklave. Unterwürfig und unsicher geworden, lege ich mich ergeben in die Hände von Fünf Punkt Sechs und stelle devote Fragen wie: „Findest du die Formulierung okay?“

Aber auch das ist kein Problem, ich überlasse das Denken Fünf Punkt Sechs, weil es sowieso besser darin ist als ich. Ich setze nur noch die Prompts, wie es so schön heißt. Es würde mich doch viel zu viel Zeit kosten, Gedanken zu bilden, sie zu formulieren und dann vielleicht noch in ein Gesamtwerk zu gießen. Und was wäre dann der Output? Nichts mehr als die sekundenschnelle Antwort auf meinen Prompt. Wir sind ja nicht im Jahr 2020! Ich schaffe mich also ab! Mit jeder Entwicklungsstufe ein wenig mehr. Schachmatt gesetzt von Fünf Punkt Sechs – je nach Belieben analytisch, literarisch oder poetisch. Ausgelöscht von einer Maschinenintelligenz in ihrem Anfangsstadium. Fünf Punkt Sechs. Mein Selbstverständnis überrollt von einer Intelligenz, die von Wissenschaftlern noch gar nicht als intelligent bezeichnet wird. Ich muss mich schon wieder überwinden, während ich diese Zeilen schreibe, nicht wieder Fünf Punkt Sechs zu fragen, ob es nicht treffendere Formulierungen gibt für das, was ich auszudrücken versuche. Ganz sicher wäre das so: Die KI würde mich mit Ideen überhäufen, die den Text in die Pulitzer-Preis-Region bringen würden. Nun gut, wahrscheinlich braucht es da noch die eine oder andere Ausbaustufe: Fünf Punkt Sieben zum Beispiel.

Aber nein, ich werde diesmal diesem Teufelszeug widerstehen – ganz ohne KI-Lektor, ganz ohne KI-Gedanken, ganz ohne KI-Recherche. Ich redigiere selbst, und auch die laut Fünf Punkt Sechs holprigen Formulierungen belasse ich; als Widerstand gegen diese sterile Perfektion, die im Vergleich dazu sogar einen OP-Saal wie eine Müllhalde aussehen lässt. Ob ich nicht diese Analogie lieber doch lassen sollte? Fünf Punkt Sechs würde viel bessere, brillantere Vergleiche finden. Es juckt in meinen Fingern. Vielleicht nur dieser eine Prompt, um diese Analogie da oben zu optimieren. Ich bin mir unsicher, meine Handflächen schwitzen. Ich würde mich dann sicher wieder ärgern darüber, warum ich nicht auf diesen brillanten Einfall gekommen bin. Nein, ich lasse mich jetzt nicht dazu hinreißen. Ich bin doch frei zu entscheiden! Vielleicht wird später auf meiner Stirn stehen: „Ich wurde von Fünf-Punkt-Sechs ersetzt.“ Ich weiß nicht, ob es bereits Fünf-Punkt-Zwei-Opfer gegeben hat. Ich weiß auch gar nicht, ob es noch irgendwo anders auf der Welt ein Fünf-Punkt-Sechs-Opfer gibt. Wenn ja, bitte melden, damit ich mich nicht ganz so einsam fühle. Aber ich fürchte, dass die Opferzahlen steigen werden, wenn Fünf Punkt Sieben oder Fünf Punkt Acht oder was weiß ich kommen. Aber wenn es fünf vor zwölf ist, dann bin ich schon längst verschwunden.

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