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Das Lachen nicht verlernen

von Thomas Beckstedt

Über den Halbmarathon in Budweis, schwer bewaffnete Polizisten, blutige Käfigkämpfe und warum wir das Lachen nicht verlernen sollten

Es ist am ersten Wochenende im Juni und dem letzten vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft, dem größten Sportereignis des Jahres, das dieses Mal in drei Ländern (Kanada, Mexiko und USA) ausgetragen wird, als ich Kurt die Videos und Fotos zeige, die ich Tage zuvor vom Halbmarathon in Budweis gemacht habe, an dem meine Nichte Henrietta teilgenommen hat.

„Sehr schön“, sagt Kurt, „wirklich sehr schön“, während er die Bilder betrachtet. „Und das da ist deine Nichte nehme ich an, richtig?“

„Bist du ihr noch nie begegnet“, frage ich ihn.

„Nein, zumindest nicht wissentlich, aber ich finde sie sehr sportlich und sympathisch.“

„Sensationell gut fand ich übrigens die Streckenführung“, erkläre ich weiter. „Start und Ziel des Laufes war der Hauptplatz von Budweis, der Přemysl-Otakar-II.-Platz, wie er dort genannt wird, auf den ich von meinem Hotelzimmer einen direkten Blick hatte. Die Route ging teilweise durch die Altstadt und dann ein bisschen raus und wieder zurück, aber die Absperrungen waren nicht so heftig und massiv wie beim City-Marathon in Wien, wie mir Henrietta versicherte, die auch diesen Lauf absolviert hat. Ein tischhohes Gitter entlang der Strecke, die vorbei an den gut besuchten Gastgärten der diversen Cafés und Restaurants führte, hat den Verantwortlichen in Budweis genügt.“

„Ja,“, nickt Kurt, „diesen City-Marathon in Wien habe ich zufällig auch gesehen. Die Absperrungen im Zielbereich, also im Bereich vom Rathaus und Burgtheater, waren echt monstermäßig, als würde man die Läufer vor einem Ansturm wüster Fußball-Rowdys schützen wollen oder die Zuschauer vor dem Absturz in einen gefährlich reißenden Fluss.“

„Nun, der Lauf in Budweis ist um vieles kleiner als der in Wien, was die Teilnehmeranzahl betrifft, aber die Tschechen gehen offenbar etwas entspannter mit derartigen Events um. Außerdem ist Österreich anders: Ein Heer von Staatsdienern verwaltet uns bestens bis in die kleinsten Aspekte unseres Lebens hinein, wir sind international Spitze beim Umverteilen von Steuergeldern und für jeden möglichen Schadensfall haben wir mindestens drei verschiedene Sicherheitsnetze und ein paar Hosenträger extra, falls alle Stricke reißen.“

Ich blättere am Laptop weiter durch die Fotos vom Halbmarathon in Budweis, gebe Erklärungen ab, verweise auf das Restaurant, wo wir zu Mittag gegessen haben (das übrigens direkt an der Laufstrecke lag) und lobe die moderaten Preise der Gastronomie, von denen wir in Österreich nur noch träumen können.

Plötzlich wirkt Kurt sehr ernst, als ob ihn etwas, das er auf den Fotos gesehen hat, alarmiert hätte.

„Was ist?“, frage ich, „stimmt etwas nicht?“

„Geh nochmal zurück, das Foto davor – nein, noch eines weiter. Ja, hier …!“

„Was denn?“ Ich schaue konzentriert auf das Foto, aber ich vermag nichts Besonderes zu erkennen; ich sehe nur Impressionen von einem gut organisierten sportlichen Ereignis.

„Da sind ja Polizisten“, sagt Kurt leise und atmet tief durch.

„Selbstverständlich sind da auch Polizisten“, erwidere ich. „Wie bei jeder größeren Veranstaltung sind auch hier Polizisten im Einsatz.“

„Kannst du das vergrößern?“

„Was genau?“

„Verzeih, darf ich kurz …“

„Ja, natürlich“, ich überlasse Kurt meine Computermaus Made in Suzhou, China, die ich bei uns im Weinviertel gekauft habe, um den lokalen Handel zu unterstützen.

Kurt vergrößert einen Bildausschnitt mit zwei tschechischen Polizisten; dann zeigt er auf sie und sagt: „Siehst du nicht, was ich sehe?“

„Nein, nicht wirklich …“ Instinktiv beuge ich mich vor, um besser zu sehen.

„Wahnsinn“, sagt Kurt, „die Polizisten tragen keine kugelsicheren Westen und sind auch nicht bis an die Zähne schwer bewaffnet: keine Sturmgewehre, keine Schrotflinten, keine extra Reservemunition für ein längeres Feuergefecht. Auch sind sie nicht vermummt und sie haben auch keine vernünftigen Autos in Bereitschaft. Ich denke an gepanzerte Humvees, leistungsstarke SUVs der Marken Chevrolet oder Dodge − und nicht ein einziger Ford F150 Raptor in der Trump-Edition mit einem 5-Liter-V8 Motor ist auf den Fotos zu sehen. Und dort im Hintergrund, der Polizist da, unterhält sich offenbar ziemlich entspannt mit einer Passantin, statt dass er Ausschau nach gefährlichen Verbrechern, entflohenen Geisteskranken und grimmigen Terroristen hält! Gott behüte, dass der IS wieder zuschlägt! Oder noch schlimmer: Es könnten sich illegale Migranten als scheinbar harmlose Sportinteressierte unter die Menge gemischt haben und wer weiß was planen. Außerdem hat keiner von diesen Polizisten die tschechische Übersetzung von ICE auf dem Rücken stehen. Mann o Mann, ob diese Sorglosigkeit in Tschechien wohl gut gehen wird?“ Kurt lehnt sich zurück und grinst mich an.

„OK, ich weiß, worauf du anspielst.“

„Wird gewiss spannend diese Fußball-WM“, fährt Kurt fort, „sportlich, politisch und überhaupt − ja, und vielleicht gibt’s ja auch was zu lachen …“

„Also ich weiß nicht, ich finde das, was der alte Mann, der sich jetzt sogar blutige Käfigkämpfe vor seiner Residenz einbildet, du weißt schon, wen ich meine, in letzter Zeit abzieht, ganz und gar nicht amüsant.“

„Ich stimme zu“, sagt Kurt. „Es gibt Dinge, die nur schwer bis gar nicht zu ertragen sind und sich darüber lustig zu machen, verbietet uns die Menschenwürde. Aber es gibt auch vieles, das wir uns leichter machen können, indem wir es nicht ernst nehmen und darüber lachen. Hast du einen persönlichen Favoriten für die WM?“

„Nein“, sage ich, „aber ich fände es ziemlich cool, wenn die Mannschaft des Iran in Finale kommen würde.“

Kurt lacht. „Das wäre gewiss ein Heidenspaß, wird aber nicht passieren. Denn sollte diese ‚Schmach‘ tatsächlich drohen, werden verlässlich alle iranischen Spieler mitsamt dem Trainer unter Terrorverdacht verhaftet und nach Guantanamo geschickt.“

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