Ich drücke die Klingel, Kurt lässt mich ein, er wirkt sehr entspannt und wir gehen in sein Wohnzimmer. Er bietet mir Kaffee an, ich sage: „Danke, gern“, als mein Blick auf Kurts vollgeräumten Wohnzimmertisch fällt: ein aufgeschlagener Atlas, sein Laptop, Landkarten, Reiseführer, Stadtpläne … dann bemerke ich die Flagge, die über einem Sessel hängt: drei horizontale Streifen in den Farben Orange, Weiß und Blau mit drei kleineren Flaggen im weißen Mittelstreifen; den Union Jack erkenne ich sofort, die anderen zwei vermag ich spontan nicht zuzuordnen, aber mir ist sofort bewusst: Dies hier ist die alte Flagge von Südafrika während der Zeit der Apartheid, die in den 1990er Jahren durch die bekannte bunte Flagge mit dem grünen liegenden Y ersetzt wurde.
Mit scherzendem Unterton frage ich Kurt: „Mit der ziehst aber jetzt nicht durch Österreichs Straßen, um ein paar neue Akzente abseits vom allgemeinen Chaos auf diesem Planeten zu setzen …?“ Ich zeige auf die Flagge.
„Gewiss nicht“, Kurt muss lachen, „das ist nur ein Andenken an meine erste große Reise, als ich noch sehr jung war – ein Museumsstück quasi.“
„Alles klar, aber warum holst deine Andenken gerade jetzt hervor? Gibt es einen besonderen Anlass – ein neues Reiseprojekt vielleicht? Für Silvester in etwa? Kapstadt soll zu der Zeit sehr schön sein …“
„Aber leider auch ganz schön gefährlich. Nein, ich schwelge nur ein wenig in Erinnerungen.“
„Ich verstehe …“
„Wie ich schon sagte, Südafrika war meine erste große Reise und ich musste, weil ich damals wenig Geld hatte, hart sparen, um mir den Flug überhaupt leisten zu können. Von Wien ging es über Brüssel nach Kinshasa, wo wir eine weitere Zwischenlandung hatten − Crew tauschen und so weiter; danach flogen wir endlich nach Johannesburg. Aber komm, ich muss ich dir etwas zeigen.“ Kurt führt mich zu seinem Laptop und zeigt mir das Ergebnis einer Internet-Recherche über Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, einem Land, das etliche Jahre Zaire hieß. Ich lese, was auf dem Bildschirm steht, leise vor: „Ja, genau – die Demokratische Republik Kongo hieß zwischen 1971 und 1997 offiziell Republik Zaire. Die Geschichte und der Name des Landes sind eng mit den politischen Umbrüchen der Region verknüpft:
- Die koloniale Vergangenheit: Vor der Unabhängigkeit im Jahr 1960 war das Land als Belgisch-Kongo bekannt.
- Die Ära Mobutu (Zaire): Im Jahr 1965 ergriff der Diktator Mobutu Sese Seko durch einen Militärputsch die Macht. Im Zuge seiner Politik der Authenticité – die das Land von allen kolonialen Einflüssen befreien und eine afrikanische Identität stärken sollte – benannte er den Staat, den mächtigen Kongo-Fluss und die Währung 1971 in Zaire um. Seine Herrschaft war von extremer Korruption und Kleptokratie geprägt.
- Die Rückbenennung (DR Kongo): Im Jahr 1997 wurde Mobutu im Ersten Kongokrieg durch Rebellen unter der Führung von Laurent-Désiré Kabila gestürzt. Kabila änderte den Namen des Landes umgehend wieder in Demokratische Republik Kongo (DRK).“
Kurt stößt mich mit dem Ellenbogen sanft in die Rippen. „Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor …?“
„Oh ja, sehr sogar“, erwidere ich amüsiert. „Berge werden umbenannt, auch Seen und Meere – vielleicht kommt demnächst auch noch ein Ozean dazu.“
Kurt schmunzelt. „Wir schweifen ab – nun zurück zu meiner Reise nach Südafrika in den späten 1980er Jahren. Ich reiste alleine, war in Johannesburg, Pretoria, dem Kruger National Park und Durban − sogar in der Republik Transkei, einem damaligen Homeland, bin ich gewesen, wunderschöne wilde Küste am indischen Ozean. Ich habe viel gesehen, musste immer wachsam sein und mich durchfragen, denn außer Hin- und Rückflug hatte ich ja nichts gebucht. Nur drei Wochen standen mir zur Verfügung, aber nach 5 oder 6 Tagen musste in eine Pause einlegen, die Eindrücke hatten mich überwältigt. Ich blieb im Hotelzimmer und verließ es nur um zu Essen, schaute fern, las, schlief, schrieb Eindrücke nieder und erholte mich. Manchmal dachte ich: Schade, du bist hier in einem fremden, aufregenden Land und hockst jetzt im Zimmer. Aber ich brauchte diesen Tag der Erholung, danach gings mit frischer Energie weiter in Südafrika.“
„Ja …?“ Ich sehe Kurt an und warte auf die Pointe
„Letzten Sonntag, es war der 11. Oktober, hatte ich plötzlich das gleiche Gefühl wie damals in Südafrika. Ich wollte das Haus nicht verlassen, hing nur herum, schlief ein wenig, blätterte in einem Buch und hörte Musik – nicht einmal den Geschirrspüler wollte ich ausräumen. Ich wollte nichts tun und nur mit mir alleine sein. Dieses Gefühl habe ich nicht oft, aber jedes Mal, wenn es mich überkommt, muss ich an meine erste große Reise denken.“
Ich seufze: „Ich kann mir denken, was der Auslöser war: Du hast am Tag davor Nachrichten geguckt – du weißt, dass das nicht gut für dich ist.“
„Ich weiß“, sagt Kurt, „aber hin und wieder muss man den Kopf aus der Deckung wagen, um zu wissen, wo wir uns gerade befinden. Das Gute daran jedoch war: ich verbrachte einen bemerkenswert ruhigen Sonntag und am Tag danach habe ich all diese wunderbaren Dinge hier ausgegraben; manchmal ist es besser in die eigene schöne Erinnerung zu blicken als in diese … na ja, Zukunft ist ein zu starkes Wort, nennen wir es lieber die Zeit, die jetzt vor uns liegt. Schau her“, fährt Kurt mit völlig veränderter Stimme und leuchtenden Augen fort: „Das ist ein Foto von mir vor dem Bus im Kruger Nationalpark − und dieses Feuerzeug da, das längst schon leer ist, hat mir ein indischer Barbesitzer in Duban geschenkt. Aber besonders interessant ist …“


