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Über Kurts Heizöllager und eine Gedankenkette, die von Saudi Aramco, Exxon und Shell über Napoleon bis nach Aserbaidschan führt

von Thomas Beckstedt

„Komm mit“, sagt Kurt, nachdem er mir seine Haustüre geöffnet hat. „Ich muss dir was zeigen.“

„Hast du wieder im Haus gewerkt?“ An der Art und Weise, wie er mit mir spricht, merke ich sofort, dass er in seinem Haus etwas neugestaltet hat. „Lass dich überraschen“, erwidert Kurt knapp und ich folge ihm über die Treppe in den Keller, wo er direkt auf seinen Heizraum zusteuert. Er öffnet die Tür und wir treten ein. Ich sehe mich in seinem sehr gepflegten Heizraum um, aber ich vermag keine Veränderung zu erkennen.

„Hier“, sagt Kurt und entsperrt die feuerfeste Tankraumtür, deren untere Kante sich in circa einem Meter Höhe befindet, wegen der öldichten Auffangwanne, die man ihm seinerzeit (als wir in Österreich noch mit Schillingen bezahlten) vorgeschrieben hatte. Heute würde er die Wanne nicht mehr benötigen, denn inzwischen darf in NÖ Heizöl bis 5.000 Liter im gleichen Raum gelagert werden, in dem der Brenner steht. Aber das stört Kurt längst nicht mehr, weil er die Trennwand zwischen Heizraum und Öllager mit Farbe und Bildern bemerkenswert schön gestaltet hat und seine 2 x 2.000 Liter Tanks ohnedies kein sonderlicher Augenschmaus sind, wie er mit selbst einmal sagte.

Kurt öffnet die Tankraumtür, greift nach dem neu installierten Schalter und – Heureka! – es wird Licht in seinem sonst so finsteren Heizöllager. „Nicht schlecht, oder?“, meint er nicht ohne Stolz. Und tatsächlich: Die Wände über dem grauen, heizölbeständigen Schutzanstrich erstrahlen in frischer, goldgelber Farbe, die dem Raum einen völlig neuen Charakter verleiht. Ein besonderer Blickfang jedoch ist die Bilderleuchte direkt gegenüber der Einstiegsöffnung, unter der ein großer (noch leerer) Bilderrahmen hängt.„Wie bist du denn auf diese Idee gekommen?“, will ich wissen und zeige auf den Rahmen.

„Hat sich so ergeben“, sagt Kurt leichthin. „Die Leuchte hatte ich schon, ist irgendwann übriggeblieben, warum also eine neue kaufen? Doch erst als ich sie montiert hatte, kam mir die Idee mit dem Bild, und auf dem Dachboden fand ich schließlich diesen Bilderrahmen. Aber ich weiß noch nicht recht, welches Bild ich dort platzieren soll. Ich meine, es müsste natürlich zum Raum als solches passen, zu einem Heizöllager also. Irgendwelche Ideen?“

Meine Fantasie ist sofort angeregt und ich beginne zu assoziieren: Heizöl … Raffinerien … Bohrinseln … Tanker … Erdölkonzerne … Schließlich sage ich: „Saudi Aramco!“

„Wie?“ Kurt runzelt die Stirn.

„Saudi Aramco“, wiederhole ich langsam. „Der weltweit größte Ölprozent. Steht für finanziellen Erfolg und …“

„Nein, nein“, Kurt winkt rasch ab. „Ich weiß zwar nicht, wo die Rohstoffe für mein Heizöl herkommen, aber ich möchte kein Bild aufhängen, das mit Saudi-Arabien in Beziehung steht. Kein gutes Feng-Shui! Denn in diesem Land verliert man allzu schnell den Kopf – du weiß schon: Öffentliche Hinrichtungen, Henker mit Schwert und so weiter.“

„Okay, sehe ich ein – und was ist mit Exxon?“

„Auch nicht gut“, Kurt schüttelt den Kopf. „Exxon Valdez, der berüchtigte Tanker, der in den späten 1980ern vor Alaska auf Grund lief und eine riesige Ölpest verursachte. Außerdem muss ich immer, wenn ich Exxon höre, an den Film Waterworld denken: Der verrostete Tanker, auf dem die grimmigen Smoker hausen, heißt ja auch Exxon Valdez. Ich finde den Film echt gut und gelungen, aber ich möchte mir keine Bilder mit Endzeitstimmung ins Haus hängen.“

„Tja, und wie wäre es mit Shell? Das Logo mit der Jakobsmuschel zählt zu den bekanntesten auf der Welt …“

Kurt schweigt, dann sagt er: „Farblich würde das Shell-Logo auf einem passenden Hintergrund möglicherweise ganz gut in mein Öllager passen, aber auch Shell hat eine dunkle Vergangenheit, und wenn ich Shell sehe, muss ich automatisch an die enormen Benzinpreise an unseren Tankstellen denken. Also ich möchte hier kein Logo von einem Konzern, auf dessen Tankstellen ich in Österreich angewiesen bin. Damit kommen BP, AGIP und auch ÖMV nicht in Frage.“

„Tja, dann wird es eng und auf die Schnelle fällt mir nur noch Gazprom ein.“

„Gazprom?“ Kurz runzelt die Stirn. „Die liefern doch nur Gas – oder etwa nicht?“

„Nein, Gazprom Neft, eine Tochter des Mutterkonzerns, fördert auch Erdöl.“

Gazprom …“, Kurt überlegt. „Die russische Gazprom … nein, passt auch nicht. Weißt du, ich lese gerade ein Buch über Napoleons Feldzug gegen Russland im Jahre 1812 – und immer, wenn ich jetzt Russland höre, denke ich gar nicht so sehr an den aktuellen Konflikt da im Osten sondern an Napoleons verheerende Niederlage. Aber das bringt mich auf eine andere Idee: Baku in Aserbaidschan.“

„Wie das? Ich kann deinem Gedankensprung nicht folgen.“

Kurt klärt auf: „Sowjetunion, Russland, ehemalige Sowjetrepubliken … Aserbaidschan, das über bedeutende Erdölvorkommen vor allem am kaspischen Meer verfügt. Schon einige Zeit beschäftigt mich der Gedanke, dass ich gerne nach Baku fliegen würde, und dann könnte ich dort ein paar schöne Fotos von der Erdölindustrie machen und ein passendes hier aufhängen. Das wäre etwas Persönliches.“ Er unterbricht sich und sieht mich an: „Willst du mitfliegen? Unser Trip nach Moldawien letztes Jahr war ja auch sehr schön.“

„Klingt gut“, erwidere ich spontan. „Baku im Frühling – ich denke, ich bin dabei.“

„Super“, sagt Kurt; er schließt die feuerfeste Türe zu seinem Heizöllager und wir beginnen unseren Trip nach Aserbaidschan zu planen.

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