Über die Ausstellung „80er – Grenzen waren gestern“, meine Erinnerung an diese Epoche und die hoffnungsvolle Zeit danach bis hin zur Frage, was seitdem auf diesem Planten schiefgelaufen ist.
Wieder auf der Schallaburg, fast auf den Tag genau ein Jahr nachdem ich 2025 die Ausstellung Träume … Träumen besucht und von einem Exponat besonders beeindruckt war: Es ging um eine futuristische Megastadt für 10 Milliarden Menschen, zu der als Erklärung auf einer Schautafel zu lesen war: Die Rückeroberung der Natur. Die Idee des spekulativen Architekten Liam Young ist radikal: Schluss mit der Vorherrschaft des Menschen! Er siedelt die gesamte Menschheit – zehn Milliarden Personen – in der Megastadt Planet City an, um der Natur zurückzugeben, was ihr gestohlen wurde. So kann sie sich endlich von Jahrhunderten der Ausbeutung und Zerstörung erholen. Wie das Leben in Planet City aussehen könnte, zeigt Liam Young in seinem Film Planet City. A City for 10 Billion People.
Das aktuelle Thema der Ausstellung lautet: 80er – Grenzen waren gestern – und diese Mal ich bin angenehmer Gesellschaft: meine Nichte Henrietta und ihre Freundin Briana aus den USA, die sie bei ihrem letzten Besuch in den Staaten kennengelernt hat, begleiten mich.
Die Ausstellung ist modern und teils als Erlebniswelt mit verschiedenen Multimedia-Inszenierungen gut aufgebaut. Und wenngleich ich mir mehr typische Objekte aus den 1980er erwartet hätte, freue ich mich über den Vorwerk-Staubsauger, der fast so aussieht wie jener, den mein Freund Kurt noch immer in Betrieb hat.
Natürlich müssen wir Briana vieles in der Ausstellung erläutern, weil die massiven Österreichbezüge nicht selbsterklärend für einen Gast aus Übersee sind. Sie kommt aus Iowa, einem US-Bundestaat, der um den Faktor 1,8 größer ist als Österreich, dafür nur ein Drittel der Einwohner hat (bemerkenswert: dort haben die Menschen noch richtig viel Platz!) und niemand in Iowa würde von einem Besucher aus Europa erwarten, dass er weiß, wer den Bundestaat vor mittlerweile 40 Jahren regiert hat oder wer dort ähnlich wie Jörg Haider bei uns seinerzeit für politisches Aufsehen sorgte. Briana wurde wie Henrietta in den 1990ern geboren, aber über den kalten Krieg, den eisernen Vorhang und die Katastrophe von Tschernobyl, die durch Österreichs geografische Lage wesentliche Aspekte der Ausstellung sind, weiß sie erstaunlich gut Bescheid.
Anfangs beteilige ich mich noch sehr rege an den Erklärungen, die Henrietta und ich Briana geben, aber bald schon bin ich in mich gekehrt und wortkarg. Von uns Dreien bin ich der einzige Zeitzeuge dieses Jahrzehnts und versinke in Erinnerungen: Ich denke an meine erste Reise nach Ungarn, wo ich zwar kein Visum brauchte, aber diesen seinerzeit berühmten rosa Einreisezettel mit Durchschlag ausfüllen musste. Für meine erste Reise in die damalige Tschechoslowakei (die Aufspaltung in Tschechien und Slowakei erfolge erst 10 Jahre später) brauchte ich ein Visum, auf das ich drei Wochen warten musste, weil ich zu diesem Zeitpunkt beim österreichischen Militär war und meine Person offenbar etwas genauer überprüft werden musste. Die 1980er waren auch die Jahre des ersten Golfkrieges, als Iraks Saddam Hussein einen Angriff auf den Iran startete und von einer breiten internationalen Allianz aus West und Ost unterstützt wurde: keine Sanktionen für den Aggressor! Stattdessen Waffen, Geld und Geheimdienstinformationen). Außerdem hatte Saddam damals noch gute und hochkarätige Kontakte in Washington (bis zu seinem nächsten Abenteuer in Kuwait, aber das kam etwas später). Ich könnte ein Buch über meine Erinnerungen an die 1980er schreiben, aber meine mit Abstand liebste Erinnerung ist die an den Fall der Berliner Mauer im November 89, der das Ende des kalten Krieges einläutete und den Wendepunkt zu den hoffnungsvollen 1990ern markierte, als die USA die einzige unangefochtene Supermacht waren und Bill Clinton und Boris Jelzin gemeinsam vor laufender Kamera lachten.
Selbst auf der Rückfahrt von der Schallburg hänge ich noch meinen Gedanken an diese Zeit nach, als plötzlich ohne mein Zutun düstere Fragen in mir aufsteigen. Ich frage mich, wie viele Kriege seit der Jahrtausendwende geführt wurden und was schiefgelaufen ist, dass die heutige geopolitische Situation derart angespannt und vergiftet ist. Warum befinden wir uns in einer ziemlich heißen Phase eines neuen kalten Krieges, den in Wahrheit niemand braucht?
Tage später zeigt mir Henrietta die Geschenke, die sie von Briana, nachdem sie wieder zurückgeflogen ist, als Dankeschön dafür erhalten hat, dass sie eine Woche bei Henrietta wohnen durfte und von ihr durch halb Österreich chauffiert wurde: Das Hauptgeschenk ist ein kleiner, aber schwerer silberner Barren mit der amerikanischen Flagge vorne aufgeprägt. Der Anblick der US-Flagge berührt mich seltsam. In den 1980er Jahren war ich fest von Amerika als verlässlichem Partner und Sicherheitsgaranten für Europa überzeugt (obwohl seinerzeit die Mehrheit bei uns weder R. Reagan noch G. Bush sonderlich mochte). Und jetzt …? Vermutlich habe ich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten zu oft die US-Flagge mit schwer bewaffneten US-Soldaten gesehen, die in allen möglichen Ländern (zumindest nach offizieller Darstellung) die Sicherheit der Vereinigten Staaten und der freien Welt verteidigt haben.
80er – Grenzen waren gestern.
Aber irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass die Grenzen längst wieder zurück sind, nur eben woanders.
Thomas Beckstedt


