Europäische Zentralbank, Frankfurt am Main (© Adobe Stock/Martin Muniz)
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Zinsschritt ohne Schockwirkung

von Michael Kordovsky

Der große Paukenschlag blieb am 10. September aus. Der 3-Monats-Euribor ist bereits im Vorfeld vom 1. Juli bis 9. September von 2,245 auf 2,626 % gestiegen. Die Europäische Zentralbank erhöhte alle drei Leitzinsen um 25 Basispunkte. Der maßgebliche Einlagensatz steigt damit auf 2,50 %. Der Schritt war an den Märkten weitgehend eingepreist und löste daher kaum nennenswerte Marktreaktionen aus.

Die Begründung der EZB ist dennoch klar: „Die Inflation dürfte für einen längeren Zeitraum deutlich über unserem Zielwert bleiben.“ Im August beschleunigte sich die Teuerung im Euroraum von 2,9 auf vorläufig 3,3 %. Die neuen Projektionen zeigen für 2026 ein BIP-Wachstum von 0,9 %, für 2027 von 1,4 % und für 2028 von 1,5 %. Die Inflation soll 2027 noch 2,5 % und 2028 2,1 % betragen – gegenüber Juni eine Aufwärtsrevision um je 0,2 bzw. 0,1 Prozentpunkte. Eine klassische Lohn-Preis-Spirale ist bislang nicht erkennbar. Die Vergütung je Beschäftigten stieg im zweiten Quartal um 3,3 % nach 3,5 % im ersten. Die längerfristigen Inflationserwartungen liegen weiter bei rund 2 %. Dennoch bleiben die Inflationsrisiken nach oben gerichtet. Neben dem Nahost-Konflikt und höheren Energiepreisen nennt die EZB auch geopolitische Risiken und wetterbedingte Preisimpulse bei Nahrungsmitteln.

Für den weiteren Zinspfad hält sich EZB-Präsidentin Christine Lagarde alle Optionen offen: „Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.“ Die Entscheidungen würden datenabhängig und von Sitzung zu Sitzung getroffen. Damit ist bei der nächsten Sitzung eine Pause möglich, aber mittelfristig rechnen die Marktteilnehmer mit weiteren Leitzinsanhebungen. Ein Indikator dafür: Laut econfoecasting.com steigen die aus den Futurespreisen abgeleiteten zukünftig erwarteten Zinssätze im 3-Monats-Euribor bis September 2027 auf 3,27 %.

Anspannung am langen Zinsende

Für Kreditnehmer bleibt das Umfeld anspruchsvoll. Höhere Leitzinsen wirken mit Verzögerung auf variable Finanzierungen und Neuabschlüsse. Sparer können dagegen bei Termineinlagen mit besseren Konditionen rechnen, wobei sich Leitzinsänderungen erfahrungsgemäß nur teilweise und mit Verzögerung in den Einlagenzinsen niederschlagen.

Spannender ist derzeit das lange Ende der Zinskurve. Dort setzt sich der Renditeanstieg fort. Der 20-Jahres-EUR-Swapsatz ist seit Jahresbeginn von 3,24 auf rund 3,60 % gestiegen. Ein Grund ist der enorme Kapitalbedarf der kommenden Jahre: Staaten müssen zusätzliche Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur, Digitalisierung und Energiewende finanzieren. Gleichzeitig wächst der Finanzierungsbedarf für KI und Rechenzentren. Die EZB verweist darauf, dass große US-Technologiekonzerne zunehmend auch am Euro-Anleihemarkt langfristiges Kapital aufnehmen.

Das spricht dafür, dass langfristige Renditen selbst dann erhöht bleiben könnten, wenn die EZB später wieder senkt. Für Anleiheanleger bleibt das Laufzeitenrisiko hoch. Aktien dürften auf weitere Zinsschritte vor allem dann stärker reagieren, wenn diese nicht bereits eingepreist sind.

Ausblick: Die September-Anhebung ist kein Startsignal für eine automatische Serie weiterer Zinsschritte. Bleiben Löhne und Inflationserwartungen ruhig, ist eine zwischenzeitliche Pause möglich. Verfestigt sich dagegen die Kerninflation, bleibt eine weitere Erhöhung auf dem Tisch. Mittelfristig gehen die Märkte eher von einer hartnäckigen Inflation und weiteren Leitzinsanhebungen aus.

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