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Diversifikation unter Stress

von Michael Kordovsky

Diversifikation funktioniert an den Märkten nicht mechanisch. Gerade in Stressphasen zeigt sich, dass viele Anlagen, die in normalen Zeiten unterschiedlich wirken, plötzlich gemeinsam fallen. Aktien, High Yield Bonds, Schwellenländeranleihen, Industriemetalle und zyklische Rohstoffe reagieren dann oft ähnlich auf sinkende Risikobereitschaft, steigende Finanzierungskosten und Liquiditätsdruck. Columbia Threadneedle verweist im März 2022 darauf, dass Aktienmärkte tendenziell gemeinsam laufen, während High Yield- und Schwellenländeranleihen oft in dieselbe Richtung wie Aktien tendieren. Auch Rohstoffe bewegen sich nicht selten mit Risikoanlagen, wobei Gold eine Sonderrolle behält (unter Normalbedingungen nahezu unkorreliert zum S&P 500).

Das Finanzkrisenjahr 2008 zeigt den Mechanismus besonders klar. Der S&P 500 verlor inklusive Dividenden 36,55 %, Baa Corporate Bonds 3,44 %. Dagegen erzielten 10-jährige US-Staatsanleihen laut historischer Datenreihe von Aswath Damodaran ein Plus von 20,10 %, Gold legte um 4,32 % zu. Der Schutz kam also weniger aus breiter Aktienmischung, sondern aus Liquidität, Bonität und Duration. Auch der World Gold Council verweist darauf, dass Gold 2008 zwischenzeitlich deutlich nachgab, am Jahresende aber zu den wenigen positiven Anlageklassen neben US-Treasuries zählte. Der World Gold Council beschreibt Gold in dieser Phase ausdrücklich auch als Liquiditätsquelle und Sicherheit.

Nicht jeder Schutz hält immer

Die Pandemie 2020 war etwas anders gelagert. In der ersten Panikphase wurden selbst sichere Anlagen verkauft, um Liquidität zu beschaffen. Genau darin liegt die praktische Lehre: Ein sicherer Hafen kann kurzfristig unter Druck geraten, wenn Investoren verkaufen müssen, was noch handelbar ist. Danach setzte sich Gold wieder als Krisenanlage durch. Am 18. März 2020 lag Gold in Euro bereits leicht im Plus, während europäische Aktien (Euro Stoxx 50) stark verloren.

Auf Aktienseite stabilisierten 2020 vor allem Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter. Die Federal Reserve Bank of St. Louis zeigt, dass Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter im März 2020 die geringsten Einbrüche unter den Sektoren verzeichneten. Ihre Tiefststände lagen bei 72 % bzw. 76 % ihres Niveaus vom 19. Februar 2020.

Danach erholten sich Informationstechnologie, zyklische Konsumgüter und Grundstoffe am stärksten; IT profitierte von Geschäftsmodellen rund um Digitalisierung, Cloud und Plattformökonomie. Diese Stärke war aber kein allgemeines Krisengesetz. 2022, als Inflation und Zinsen gleichzeitig stiegen, verlor der S&P 500 18,1 %, der IT-Sektor 28,2 %. Stabiler waren Energieaktien mit plus 65,7 %, Versorger mit plus 1,6 %, Basiskonsumgüter mit minus 0,6 % und Gesundheitswesen mit minus 2,0 %.

Für die Beratungspraxis bedeutet das: Diversifikation braucht mehr als viele Positionen. Entscheidend ist, welche Risiken tatsächlich kombiniert werden. In deflationären Schocks wirken langlaufende hochwertige Staatsanleihen oft stark stabilisierend. In Inflationsschocks geraten Aktien und Anleihen zugleich unter Druck. Dann helfen eher kurze Duration, reale Cashflows, Energie, ausgewählte defensive Aktien, Gold und Währungen wie der Schweizer Franken. Diversifikation bleibt unverzichtbar, aber sie muss nach Krisentyp, Liquidität und Korrelation im Stressfall gedacht werden.

 

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