©AdobeStock_488336090
in

Fortsetzung der Zinswende vertagt

von Michael Kordovsky

Der EZB-Rat ließ am 23. Juli alle drei Leitzinsen unverändert. Der Einlagenzins bleibt nach der Anhebung im Juni bei 2,25 %, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 % und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 %. Auf den ersten Blick ist das nachvollziehbar: Die Inflation im Euroraum sank von 3,2 % im Mai auf 2,8 % im Juni, die Nahrungsmittelteuerung von 1,9 auf 1,5 %. Doch Geldpolitik muss vorausblicken – und genau hier wirkt die EZB zu zögerlich.

Abwarten trotz Warnsignalen

Die Notenbank räumt selbst ein, dass die inflationären Folgen des Energieschocks noch nicht vollständig sichtbar sind und die Risiken nach oben weisen. Bemerkenswert offen sagte Lagarde – in deutscher Übersetzung: „Wäre es nur eine Frage der Besorgnis, hätten wir die Zinsen angehoben.“ Einige Ratsmitglieder stellten im Juli die Frage, ob eine Zinserhöhung erwogen werden sollte. Der EZB-Rat entschied sich jedoch einstimmig für unveränderte Leitzinsen. Dieses Warten ist riskant. Am Sitzungstag notierte Brent-Öl wieder um 100 USD je Barrel. Lagarde bezeichnete die jüngsten Entwicklungen als alarmierend. Für die September-Sitzung hat die EZB vertiefte Analysen zu den Öl- und Gaspreisen angefordert. Zugleich warnt sie, dass länger anhaltend hohe Energiepreise über indirekte und Zweitrundeneffekte die Inflation verbreitern können.

Neuer Druck vom Acker

Noch ist die Nahrungsmittelinflation im Euroraum moderat. An den Weltmärkten entstehen jedoch neue Risiken. Der FAO-Nahrungsmittelpreisindex sank im Juni zwar um 0,3 %, doch Pflanzenöle verteuerten sich binnen eines Monats um 3,8 % und binnen eines Jahres um 23,3 %. Fleisch erreichte ein Rekordhoch und lag 4,0 % über dem Vorjahr; Reis wurde im Juni um 3,2 % teurer.

Hinzu kommt El Niño. Die FAO erwartet das Wetterphänomen bis Anfang 2027 und warnt vor Trockenheit in Teilen Afrikas, Asiens und Mittelamerikas. Die globale Weizenernte soll 2026 um 4,3 % auf 806,5 Mio. Tonnen sinken. Höhere Energie- und Betriebsmittelkosten könnten den Effekt verschärfen. Die EZB selbst warnt, dass Hitzewellen und Extremwetter Nahrungsmittel stärker verteuern könnten als erwartet.

50 Basispunkte als Risiko

Die nächste Zinsentscheidung fällt am 10. September in Berlin. Der Markt rechnete zuletzt nahezu vollständig mit einer Erhöhung um 25 Basispunkte und mit einem weiteren Schritt bis Jahresende. Sollten Öl, Gas und Agrarpreise gleichzeitig anziehen und die nächsten Inflationsdaten überraschen, könnte die EZB jedoch unter Zugzwang geraten. Eine Anhebung um 50 Basispunkte ist nicht das Basisszenario, aber ein ernst zu nehmendes Risiko.

Die EZB will datenabhängig handeln. Wer aber erst reagiert, wenn der Preisschock in allen Statistiken angekommen ist, läuft den Daten hinterher. Ein vorsorglicher kleiner Schritt im Juli wäre glaubwürdig gewesen. Sollte es erforderlich sein, dem entfalteten Gefahrenpotenzial im September hektisch nachzusteuern, könnte dies Stoff für kritische Debatten werden.

Spari geht zu KOBAN