Chinas Exportmaschine läuft auf Hochtouren – und diesmal trifft sie Europas Industrie in besonders sensiblen Bereichen. In den ersten sieben Monaten 2026 stiegen Chinas Warenexporte laut nationalem Statistikamt um 14,0 Prozent auf 17,44 Billionen Yuan. Die Ausfuhren von Maschinen und Elektroprodukten legten um 21,2 Prozent zu. Laut Zollverwaltung wuchsen die Exporte von Elektroautos sogar um 71,2 Prozent und jene von Lithiumbatterien um 35,8 Prozent.
Dahinter steht allerdings keine simple Geschichte vom „Exportieren gegen die Krise“. Chinas Importe wuchsen von Jänner bis Juli sogar um 22,0 Prozent. Gleichzeitig bleibt die Binnennachfrage ein Schwachpunkt: Die Einzelhandelsumsätze erhöhten sich in diesem Zeitraum nur um 1,2 Prozent, die Anlageinvestitionen sanken um 6,7 Prozent und die Investitionen in die Immobilienentwicklung um 19,2 Prozent. Das chinesische Statistikamt spricht selbst von einem weiterhin „akuten“ Ungleichgewicht zwischen starkem Angebot und schwacher Nachfrage.
Für Europa ist der neue China-Schock strukturell anders als jener nach dem WTO-Beitritt 2001. Die EZB zeigt, dass chinesische Importe heute stärker in Elektronik, Automobilindustrie und andere mittel- bis hochtechnologische Bereiche vordringen. Gleichzeitig importiert Europa mehr Vorprodukte aus China. Das erzeugt einen doppelten Effekt: Billigere chinesische Komponenten können die Kosten europäischer Hersteller senken, fertige chinesische Produkte erhöhen dagegen den Konkurrenzdruck. In einer EZB-Auswertung war eine stärkere Einfuhr chinesischer Vorprodukte mit einem Plus von 0,6 Prozentpunkten beim Wachstum der Industrieproduktion verbunden. Bei fertigen Erzeugnissen lag der Effekt bei rund minus einem Prozentpunkt.
Der Druck ist bereits in den Handelsdaten sichtbar. 2025 importierte die EU-Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro aus China, exportierte aber nur 199,6 Milliarden Euro dorthin. Das Defizit erreichte 359,8 Milliarden Euro. Gegenüber 2024 stiegen die Importe aus China um 6,4 Prozent, während die EU-Exporte dorthin um 6,5 Prozent zurückgingen.
Preisdämpfende Wirkung
Für die Inflation ist die Entwicklung dagegen zunächst entlastend. Die Preise von Importen aus China lagen im März 2026 um 3,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Laut EZB dämpften chinesische Importpreisschocks die Teuerung bei Industriegütern ohne Energie im April um rund 0,27 Prozentpunkte. Niedrigere Importpreise bedeuten also mehr Kaufkraft und günstigere Vorleistungen – zugleich aber zusätzlichen Margen- und Preisdruck für europäische Produzenten.
An der Börse dürfte deshalb weniger „Europa gegen China“ entscheidend sein als die Position einzelner Branchen in der Wertschöpfungskette. Besonders exponiert sind Autohersteller, Zulieferer, Elektronik und Teile des Maschinenbaus, wenn sie direkt mit chinesischen Endprodukten konkurrieren. Unternehmen, die günstige chinesische Vorprodukte nutzen oder technologisch klar differenziert sind, können dagegen profitieren. Der neue China-Schock ist damit wesentlich gefährlicher als ein bloßer Importboom. Entscheidend sind sinkende Preise, technologischer Wettbewerb und der Verlust industrieller Marktanteile.



