Kurt und ich hatten unseren Trip nach Baku, Aserbaidschan, für diesem Frühling fast schon gebucht, als die ersten israelischen und US-amerikanischen Raketen im Iran einschlugen. „Ich glaube, wir sollten noch ein bisschen warten“, war Kurts erste Reaktion, „und lass uns schauen, ob sich der Wahnsinn da unten zu einem Mega-Wahnsinn entwickelt.“ Aber spätestens nachdem wir hörten, dass zwei Drohnen zwar nicht in Baku, aber in der autonomen Enklave Nachitschewan, die offiziell zu Aserbaidschan gehört, eingeschlagen sind, haben wir unsere Reise nach Baku auf unbestimmte Zeit verschoben.
„Das hat nichts mit Feigheit zu tun“, erklärt Kurt mürrisch, „aber ich möchte ein paar unbeschwerte Urlaubstage verbringen und nicht mehrmals täglich Nachrichten schauen, ob noch alles halbwegs normal ist.“
Also suchen wir nach einem neuen Reiseziel, denn irgendwie haben wir uns schon sehr auf den Urlaub gefreut und wir wollen unser Vorhaben nicht einfach absagen.
Aber wohin?
Kurt weiß Rat. Er holt seinen Atlas und blättert bis zu einer politischen Karte von Europa. Dann nimmt er einen Zirkel, misst den Abstand zwischen Wien und Baku und zeichnet einen Kreis. „Wir wollten ein paar Tage in eine Stadt am Meer, die nicht mehr als vier oder fünf Flugstunden entfernt ist. Lass uns also in diesem Kreis, den ich gezogen habe, ein Land suchen, in dem wir zwei noch nicht gewesen sind, das am Meer liegt und in dem es außerdem keine Bomben hagelt.“
„Guter Plan“, erwidere ich, „lass uns im Süden anfangen und dann gehen wir über Osten nach Norden und weiter in den Westen.“ Ich blicke auf die Karte, sehe Libyen und schüttle den Kopf: „Nicht gut, dort herrscht nach wie vor ein komplizierter Bürgerkrieg, in den alle möglichen ausländischen Regierungen ihre schmutzigen Finger gesteckt haben. Da wäre ja Baku noch besser. Also weiter …“
Ägypten schließen wir aus, weil ich dort schon einmal war und die nächsten Staaten in unserem ‚Baku-Kreis‘ wie Israel, Libanon, Jordanien, Syrien, Irak, Iran kommen auch nicht in Frage – zum Warum muss man gewiss nicht viel sagen. Nachdem wir beide auch schon die Türkei und Russland bereist haben, bleiben im Osten unseres Kreises nur noch Georgien und Kasachstan. Kurt schreibt diese Länder auf ein Blatt Papier. Im Norden und Westen des Kreises auf der Landkarte werden wir nicht fündig, weil entweder Kurt oder ich diese Länder schon besucht haben; angefangen vom Baltikum über Skandinavien bis Island und wieder hinunter nach Portugal: kein potenzielles Reiseziel gemäß unserer Logik! Im Süden finden wir schließlich nur noch Algerien, das unseren Kriterien entspricht – also fügen wir Algerien unserer Liste hinzu. Wir prüfen die Küste des Schwarzen Meeres, wo wir aber außer Georgien, das wir schon notiert haben, kein für uns passendes Land finden. Die Untersuchung der Mittelmeerküste ergibt am Ende dann doch noch einen weiteren Treffer, Montenegro, das auf Kurts Europakarte (die offenbar schon ein paar Jahre alt ist) noch als Staatenbund Serbien und Montenegro abgebildet ist.
„Nicht gerade viel“, sage ich und betrachte unsere Liste, die so kurz ist, dass sie den Namen Liste eigentlich gar nicht verdient: Georgien, Kasachstan, Algerien und Montenegro. Von diesen vier Ländern interessiert mich Kasachstan am meisten und ich beginne im Internet zu recherchieren, als mir auffällt, dass Kurt plötzlich sehr schweigsam ist. Ich wende ihm mein Gesicht zu. Sein Blick ist starr auf den Nahen Osten im Atlas gerichtet, dann tipp er mit dem Finger auf besagte Region und sagt düster: „Natürlich bedaure ich zuerst die unschuldigen Opfer unter der Zivilbevölkerung in diesem neuen Krieg, sie tun mit am meisten leid. Aber außerdem ärgert es mich, dass ich damals, 2024, diesem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, der jetzt im weißen Haus sitzt, du weißt schon, wen ich meine, sein Wahlversprechen, das er nicht nur dem amerikanischen Volk, sondern auch der ganzen Welt gegeben hat, geglaubt habe: Keine neuen Kriege beginnen und bestehende Konflikte schnell beenden! Alles gelogen – und ich frage mich, warum ich so naiv war, diesem Versprechen seinerzeit zu glauben. Aber vermutlich wollte ich es glauben und deswegen habe ich es geglaubt und jetzt fühle ich mich von du weißt schon, wen ich meine, ziemlich angeschmiert.“ Kurt betrachtet unsere sehr kurze Liste mit Ländern, die wir in die engere Auswahl für unseren Urlaub genommen haben. Schließlich sagt er: „Ehrlich, am liebsten würde ich mit einem persischen Zauberteppich in ein fantastisches Traumland fliegen, wo es keine Kriege und keine Not und keine Typen wie du weißt schon, wen ich meine gibt, die willkürlich Zölle erheben und Bomben schicken, weil sie der Magen grimmt, der Schädel schmerzt oder sie eine Pleite vor Gericht erlebt haben.“ Und dann beginnt Kurt wie ausgewechselt und bestens gelaunt sich in den prächtigsten Farben auszumalen, wie er auf dem fliegenden Teppich davonsegelt.
„Zauberteppich und Traumland – klingt echt gut“, sage ich schließlich. „Aber so wie du das sagst scheint auf dem fliegenden Teppich nur Platz für eine Person zu sein. Was bitte ist mit mir?“
Darauf Kurt: „Du kommst natürlich nach mit der klimaneutralen Austrian Airline.“


