Nach starken Kursanstiegen bei Technologie- und Halbleiteraktien ist Vorsorge wieder stärker eine Frage des Einstiegspreises. Substanz bedeutet dabei nicht, nur Aktien mit niedrigem Kurs-Gewinn-Verhältnis zu kaufen. Entscheidend sind robuste Bilanzen, verlässliche Cashflows, Preissetzungsmacht und zumindest moderates Wachstum. Erst diese Kombination schafft einen Puffer gegen enttäuschte Erwartungen.
Bewertung statt Modetrend
Der Nasdaq-100 Index lag zwar per 27. Juli auf Jahressicht noch 20 Prozent im Plus, doch seit Juni könnte sich charttechnisch bereits ein Scheitel gebildet haben. Eine längere Korrekturphase ist nicht mehr auszuschließen, zumal ein Vorläuferindikator, nämlich der Philadelphia Semiconductor Index für Halbleiteraktien, zwischen dem 22. Juni und 27. Juli um 21 Prozent korrigierte. Die restlichen Märkte hat dies aber noch wenig tangiert. Die Korrektur war überfällig, denn per 30. Juni wies der MSCI World Semiconductors and Semiconductor Equipment Index ein KGV von 49,36, ein erwartetes KGV von 23,52 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 17,09 auf. Einzelne Enttäuschungen bei Auftragseingang, Margen oder Investitionsbudgets können auf so einem Bewertungsniveau heftige Ausschläge auslösen. Das spricht nicht gegen Technologie, sondern gegen blinde Konzentration. Ein Wachstumsunternehmen kann attraktiv sein, wenn seine Gewinne schneller steigen als die Bewertung. Umgekehrt wird selbst ein hervorragendes Geschäftsmodell riskant, wenn der Kurs bereits ein nahezu perfektes Szenario vorwegnimmt. Für die Vorsorge ist daher eine Mischung aus breitem Markt, Value, Dividendenqualität und ausgewählten Zukunftsthemen belastbarer als die Jagd nach dem jeweils heißesten Trend.
Value mit Wachstum
Warren Buffett sucht keine statistisch billigen Problemfälle, sondern Unternehmen, deren wirtschaftlicher Wert langfristig wächst und deren Aktien mit Sicherheitsmarge erworben werden können. Der Ansatz ist ein Dauerbrenner, aber kein permanenter Outperformer. Laut Berkshire Hathaway legte der Marktwert der Berkshire-Aktie von 1965 bis Ende 2025 im Durchschnitt um 19,7 Prozent pro Jahr zu, der S&P 500 einschließlich Dividenden um 10,5 Prozent. In einzelnen Jahren und längeren Phasen blieb Berkshire dennoch hinter dem Index zurück. Value verlangt Geduld und funktioniert gerade deshalb nicht wie ein kurzfristiges Handelssignal.
Auch auf Indexebene ist der Bewertungspuffer sichtbar. Der MSCI World Enhanced Value Index kam Ende Juni 2026 auf ein KGV von 15,67, ein erwartetes KGV von 10,97 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,67. Der breite MSCI ACWI war mit einem KGV von 23,64, einem erwarteten KGV von 17,78 und dem 3,86-Fachen des Buchwerts wesentlich teurer. Der Abschlag schützt nicht vor Verlusten, senkt aber die Fallhöhe, sofern Gewinne und Bilanzen stabil bleiben.
Für ein substanzorientiertes Aktienuniversum kommen neben Berkshire Hathaway auch etablierte europäische Dauerläufer infrage. Unilever erwirtschaftet bereits 59 Prozent seiner Umsätze in Emerging Markets. Die Top-5-Märkte sind die USA, Indien, Brasilien, China und UK. Im ersten Halbjahr konnte bei leichtem Umsatzanstieg der freie Cashflow von 1,08 Milliarden auf 1,55 Milliarden US-Dollar gesteigert werden. Analysten erwarten von 2025 bis 2028 ein Wachstum des Gewinnes je Aktie von 9,8 Prozent p.a. (Quelle: MarketScreener).
Nestlé steigerte im ersten Halbjahr 2026 den Umsatz organisch um 3,6 Prozent und erwirtschaftete einen freien Cashflow von 3,38 Milliarden CHF (+46,3 %). Nestlé ist gerade dabei, die Kosten zu senken und mittelfristig ist eine höhere Rentabilität durchaus wahrscheinlich. Beide Konzerne verfügen über globale Marken, müssen aber beweisen, dass Preiserhöhungen nicht dauerhaft zulasten der Absatzmengen gehen.
Die Deutsche Telekom erhöhte 2025 das bereinigte EBITDA nach Leasing um 2,8 Prozent auf 44,2 Milliarden Euro und schlug eine Dividende von 1,00 Euro je Aktie vor, was in etwa einer Dividendenrendite von 3,6 Prozent entspricht. Allianz steigerte 2025 das operative Ergebnis um 8,4 Prozent auf den Rekordwert von 17,4 Milliarden Euro und die Dividende um elf Prozent auf 17,10 Euro (rund 4 % Dividendenrendite). Telekommunikation und Versicherung sind nicht konjunkturfrei, liefern aber vergleichsweise gut planbare Zahlungsströme.
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