Die EZB-Leitzinsanhebung um 0,25 Prozentpunkte bei allen drei Leitzinsen war für den 11. Juni allgemein erwartet worden. Nachdem Eurostat am 2. Juni einen Anstieg der vorläufigen Inflationsrate des Euroraums von April auf Mai von 3,0 auf 3,2 % veröffentlichte, stieg der 3-Monats-Euribor seit Monatsbeginn bis zur EZB-Entscheidung am 11. Juni von 2,245 auf 2,401 %. Somit preist er bereits die nächste Leitzinsanhebung ein, zumal die Volkswirte des Eurosystems gegenüber März ihre Inflationsprognosen anhoben:
Im Basisszenario der neuen Projektionen wurden die Inflationsprognosen für 2026 und 2027 um 0,4 bzw. 0,3 Prozentpunkte auf 3,0 bzw. 2,3 % angehoben, während die BIP-Wachstumsprognosen für den Euroraum um jeweils 0,1 Prozentpunkte auf 0,8 bzw. 1,2 % nach unten revidiert wurden. Der Trend geht in Richtung Stagflation. Der Preisdruck nimmt zu und Zweitrundeneffekte werden mit der Dauer des Irankriegs und anhaltend hohen Energiepreisen zunehmend wahrscheinlicher. Zudem schmälern höhere Energiepreise die Realeinkommen und der Krieg belastet das Vertrauen der Wirtschaft.
Noch zwei weitere Leitzinsanhebungen eingepreist
Die EZB steht somit in einem Spannungsfeld zwischen ihrem Stabilitätsziel einer mittelfristigen Inflationsrate von 2 % und der Rücksichtnahme auf eine sich abschwächende Konjunktur. Doch vorerst ist Inflationsbekämpfung angesagt, zumal die EZB in der Erklärung ihrer Leitzinsanhebung von folgendem Szenario ausging: „Durch den Anstieg der Energiepreise wird sich die Inflation im Laufe des Sommers weiter erhöhen und bis in die erste Jahreshälfte 2027 deutlich über dem Zielwert halten. Dieser Energiepreisanstieg wird sich auch auf die Inflation bei Nahrungsmitteln, Waren und Dienstleistungen auswirken.“ Erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 sollte die Inflation, gestützt durch fallende Energiepreise und eine langsamere Erhöhung anderer Preise, wieder zum Zielwert zurückkehren. Abgeleitet aus den Futures-Daten sollte der 3-Monats-Euribor bis Juni 2027 einen Peak von 2,74 % erreichen (Quelle: econforecasting.com). Das würde bis dahin noch zwei weitere Leitzinsanhebungen implizieren. Danach wird ein mehrjähriges Zinsplateau eingepreist, was allerdings auch eine gewisse Verunsicherung der Marktteilnehmer durch unberechenbare geopolitische Szenarien widerspiegelt.
Auch die geldpolitischen Entscheidungsträger der EZB sind im aktuellen Umfeld mit ihren Aussagen vorsichtig. Nicht umsonst wiederholte EZB-Präsidentin Christine Lagarde in der Pressekonferenz zur Leitzinsentscheidung vom 11. Juni folgende Aussage bezüglich weiterer Maßnahmen: „Die Festlegung des angemessenen geldpolitischen Kurses wird von der Datenlage abhängen und von Sitzung zu Sitzung erfolgen. Unsere Zinsbeschlüsse werden auf unserer Beurteilung der Inflationsaussichten und der damit verbundenen Risiken, vor dem Hintergrund aktueller Wirtschafts- und Finanzdaten, sowie der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission basieren. Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.“
Fazit:
Die EZB bleibt wegen steigender Inflation und geopolitischer Risiken auf Straffungskurs, obwohl sich die Konjunktur abschwächt. Doch wohin die kurz- und langfristigen Zinsen bis 2027 tatsächlich gehen werden, kristallisiert sich erst als Reaktion auf die weitere Geopolitik und zukünftige Wirtschaftsdaten heraus.


