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Börsenboom ohne IPO-Boom

von Michael Kordovsky

Rekordkurse, neue Listings und ein weltweites Emissionsvolumen auf Rekordniveau: Auf den ersten Blick scheint der IPO-Markt zurück zu sein. Doch die Zahlen erzählen eine differenziertere Geschichte. An der Wiener Börse gab es 2026 bislang vier Neuzugänge, zuletzt BIOGENA Good Vibes im direct market plus. Gleichzeitig erreichte der ATX inklusive Dividenden Ende September ein neues Allzeithoch und lag seit Jahresbeginn mehr als 30 % im Plus. Was fehlt, ist dennoch der klassische große Börsengang eines österreichischen Unternehmens im geregelten Markt.

Auch international ist das Comeback weniger breit, als es die Milliardenbeträge vermuten lassen. Im dritten Quartal wagten laut EY 367 Unternehmen den Gang an die Börse, gegenüber 374 im Vorjahresquartal. Das Emissionsvolumen sprang dagegen um 79 Prozent auf 93,3 Milliarden US Dollar. In den ersten neun Monaten ging die Zahl der IPOs sogar von 922 auf 888 zurück, während das platzierte Volumen mit 287,5 Milliarden US Dollar  (+151 % im Jahresvergleich) einen Rekord erreichte. Einige wenige Großtransaktionen prägen damit das Gesamtbild. Besonders deutlich zeigt sich das in den USA: Die Zahl der Börsengänge fiel im dritten Quartal von 65 auf 24, das Volumen stieg dennoch um 122 Prozent auf 35 Milliarden US Dollar.

Kapital sucht Größe und Story

Das ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis auf einen selektiveren Markt. Geld ist vorhanden, konzentriert sich aber auf größere Unternehmen mit Wachstum und überzeugender Equity Story. Besonders gefragt bleiben Technologie, KI-Infrastruktur, Energie und Verteidigung. Für kleinere und mittlere Unternehmen bedeutet das: Ein freundliches Börsenumfeld allein reicht nicht. Entscheidend sind Bewertung, Liquidität, Governance und die Frage, ob sich genügend internationale Investoren mobilisieren lassen.

Das erklärt auch, warum österreichische Wachstumsunternehmen mitunter größere ausländische Börsenplätze wählen. ASTA Energy ging im Jänner in Frankfurt an die Börse, INNIO Jenbacher im Juni an die Nasdaq. Größere Börsen können einen breiteren institutionellen Investorenkreis, mehr Vergleichsunternehmen aus derselben Branche und eine höhere Liquidität bieten. Gerade für Industrie- und Technologiewerte kann das attraktiv sein.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Wien zu klein wäre. Mit dem seit Juli als EU-KMU-Wachstumsmarkt registrierten direct market plus versucht die Wiener Börse, die Einstiegshürden für kleinere Emittenten zu senken. BIOGENA zeigt, dass sich auch über diesen Weg privates Kapital mobilisieren lässt.

Der entscheidende Test steht daher noch aus. Rekordkurse und hohe Handelsumsätze schaffen ein günstiges Umfeld, doch ein nachhaltiger IPO-Aufschwung beginnt erst dann, wenn wieder mehr Unternehmen tatsächlich Eigenkapital über die Börse aufnehmen und nicht nur einzelne Großemissionen die Statistik nach oben ziehen. Wien hat dafür derzeit bessere Voraussetzungen als in den vergangenen Jahren. Ob daraus eine belastbare Pipeline wird, hängt jedoch weniger vom ATX-Rekord als von der Börsenreife der Bereitschaft der Eigentümer ab, Kapitalmarkt und Wachstum dauerhaft miteinander zu verbinden.

 

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