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Sonne, Strand, Meer und Beton

von Thomas Beckstedt

Über eine Reise nach Montenegro, Sonne, Strand, Meer und Beton und die tiefe Einsicht in das menschliche Dasein eines New Yorker Taxifahrers

Ende April dieses Jahres ist es so weit: Thomas und ich reisen nach Montenegro, nachdem wir unseren ursprünglichen Plan (Urlaub in Aserbaidschan) um ein Jahr verschoben haben. Der Flug nach Podgorica ist kurz, angenehm und sehr pünktlich. Mit dem Taxi geht es dann weiter nach Becici, einen Vorort von Budva, wo unser Hotel liegt. Zimmer mit Meerblick! Ja, das ist uns von Anfang an sehr wichtig gewesen: Sonne, Strand und Meer! Die alte, aber noch immer gute Devise für diesen Trip.

Doch es gibt hier auch viel Beton. Während unseres Aufenthaltes sehen wir mindestens ein paar Dutzend größere, um nicht zu sagen gröbere Baustellen, meist irgendwelche Wohn- oder Hotelbauten; dazu kommen einige Hotelruinen, Bauten, die nicht fertig gestellt wurden, aber auch nicht abgerissen werden und jetzt die Landschaft verunstalten.

Kurt spricht gleich am ersten Tag davon, seine Strandsammlung mit Sand aus Montenegro zu ergänzen. Aber Sand vom Strand mitzunehmen, ist, wie ich unlängst gelesen habe, verboten und kann, wenn man erwischt wird, ziemlich teuer werden. „Naturschutz und so weiter“, erkläre ich ihm die rechtliche Situation, die darauf abziele, das ökologische Gleichgewicht zu erhalten.

Kurt versteht das überhaupt nicht. „Ökologisches Gleichgewicht?“, er runzelt die Stirn. „Ha, guck dir nur all diese Baustellen da an und selbst hier, nicht am Strand, sondern direkt im Sand des Strandes, betonieren sie gerade ein Fundament von mindestens 100 m², keine Gehminute von uns entfernt. Und dann reden sie von ökologischem Gleichgewicht. Außerdem gibt es hier kein einziges Windrad …“

„Gewiss haben sie einige Windränder, nur eben nicht hier“, versuche ich zu beschwichtigen.

„Möglich, ja, was ohnedies besser ist, denn so schön sie auch wieder nicht. Und Fahrradfahrer gibt es hier auch so gut wie keine; mehr als 5 habe ich noch nicht gezählt. Hier gibt es mehr gutmotorisierte Autos mit russischen Kennzeichen als Radfahrer.“

Ich stimme zu. „Guter Vergleich!“, denn tatsächlich habe auch ich nur 5 Radfahrer und immerhin 7 russische Autos gezählt. Dann lachen wir gemeinsam und das Thema ist zu Ende.

In diesen Tagen sind wir viel mit dem Bus unterwegs, meist die Küste entlang, doch von Kotor, das allgemein als der schönste Ort Montenegros gilt, sind wir ein wenig enttäuscht. Gewiss, die Altstadt und die mittelalterliche Befestigungsanlage sind wunderschön, aber die Idylle, die wir uns etwas naiv erwartet haben, finden wir nicht. Ein Kreuzfahrtschiff liegt im Hafen und die Menschen strömen durch die schmalen Gassen.

Von Cetinje, der auf halben Weg nach Podgorica gelegenen alten Hauptstadt von Montenegro hingegen sind wir hellauf begeistert. Hier gehen die Uhren tatsächlich anders und das Leben ist unglaublich entspannt.

Am letzten Tag unseres Urlaubes gehen wir wieder zum Stand. Nach einer Weile des Schweigens, während wir das klare, blaue Meer betrachten und dem sanften Geräusch der Wellen lauschen, beginnt Kurt umherzuspähen. Schließlich sagt er: „Wir haben heute diesen hoteleigenen Strand fast für uns alleine – mit uns sind da jetzt 10 oder 12 Leute, vielleicht 15, wenn man die paar Arbeiter dort hinten dazuzählt. Und jetzt frage ich mich, wie es hier in der Hochsaison zugeht. Wie viele Leute werden dann wohl an diesem Strandabschnitt in der Sonne braten und sich von den Anstrengungen der nächtlichen Partys erholen?“

„Weiß nicht so genau“, ich zucke mit den Schultern, „aber es werden viele sein. Unser Hotel hat über 200 Zimmer und, nun ja, so 400 bis 500 Menschen werden sich an einem Spitzentag hier schon drängen. Man muss ja nur die freien Liegen da abzählen und dann gibt’s dort drüben noch eine beachtliche Menge in Reserve, die noch gar nicht aufgestellt wurden. Ich glaube, ich möchte dann nicht hier sein.“

„Du glaubst?“, sagt Kurt und lacht. „Ich bin mir sicher, totsicher, dass ich in der Hauptsaison nicht hier sein möchte. Schon zum Frühstück Animation und dann Party ohne Ende bis zur Erschöpfung mit lauter superlustigen Leuten. Ich konnte dem Ballermann noch nie etwas abgewinnen, selbst als ich noch sehr jung war.“

„Tja, jedem das seine“, erwidere ich, „das ist gelebte Demokratie. Die einen, wie wir, suchen Ruhe und das ursprüngliche Land bzw. das, was davon übriggeblieben ist; die anderen mögen es heiß, laut und intensiv und baden gerne in der Menge.“

„Ja, ja, in der Menge baden“, sagt Kurt nachdenklich, „und neue Leute kennen lernen“, und plötzlich kommt wieder einer von seinen unerwarteten Gedankensprüngen: „Du kennst doch den Film Driven to Kill mit Steven Seagal?“

„Ja, du hast mir vor einiger Zeit die DVD geborgt. Wieso?“

„Seagal spielt in Driven to Kill einen ehemaligen Auftragskiller der russischen Mafia namens Ruslan, der nach vielen Jahren nach New York zurückkehrt, um an der Hochzeit seiner Tochter teilzunehmen …“

„Und hinterher ein ziemliches Blutbad anrichtet, oder?“

„Ja, aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus“, sagt Kurt. „In dem Film gibt es eine Szene, die mir sehr lebhaft in Erinnerung geblieben ist. Seagal, also Ruslan, kommt in New York an und fährt mit einem Taxi in sein Hotel. Der Taxifahrer fragt Ruslan: „Kalifornien?“ Ruslan antwortet: „Sieht man das?“ Darauf der Taxifahrer: „Viel zu viel Sonne und zu wenig Mietskasernen. Wenn man nicht zwischen genug Leuten eingepfercht ist, lernt man kein Aas kennen.“

Nachlese