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Über das, was der Philosoph Willard Van Orman Quine mit Kurts Garten zu tun hat und strategische Geduld

von Thomas Beckstedt

Wir sitzen auf Kurts Terrasse in den Gartenstühlen, die wir vor etlichen Wochen abgeschliffen und mit chinesischen Pinseln neu gestrichen haben. Da fällt mein Blick auf ein Buch, das halb verdeckt von einem Strohhut neben mir auf einem freien Gartenstuhl liegt. Irgendwie bin ich neugierig, was Kurt liest, aber weil es sein Eigentum ist, frage ich ihn um Erlaubnis, bevor ich meine Hand nach dem Buch austrecke.

„Nur zu“, meint Kurt gut gelaunt, „aber Vorsicht, die Kost ist nicht leicht.“

Ich greife nach dem Buch: Willard Van Orman Quine ist der Autor und der Buchtitel lautet: Die Wurzeln der Referenz.

„Puh“, sage ich nach einem längeren Blick in das Buch, „tatsächlich eher anspruchsvoll. Ich wusste gar nicht, dass du dich auch mit Sprachphilosophie befasst.“

„Früher, ja“, erwidert Kurt, „aber jetzt ist das Buch eher eine Erinnerung an meinen ersten PC, den ich rund um 1990 gekauft habe. Es war ein XT mit 5 ¼ Zoll Disketten-Laufwerk, den ich Willard nannte – frei nach Willard Van Orman Quine, der nicht nur als Philosoph Bekanntheit erlangte, sondern auch als Mathematiker und Logiker wichtige Beiträge lieferte. Überhaupt war Quine ein sehr bedeutender Denker des 20. Jahrhunderts.“

„Okay“, sage ich, „ich nehme an, dass du dir einen neuen, besonders tollen PC gekauft hast, den du wiederum Willard nennst. Richtig?“

Kurt lächelt. „Fast richtig, aber nicht ganz. Komm mit, ich zeig ihn dir.“

Wir stehen auf, gehen die paar Stufen von der Terrasse in den Garten und wenden uns nach rechts.

„Da“, sagt Kurt, „hier ist mein neuer Willard!“

„Ein Mähroboter …“ Ich bin echt erstaunt und umkreise das gar nicht so kleine Gerät, das in einer Art Garage geparkt ist. „Ich wusste nicht, dass du dich für Mähroboter interessierst und … Himmel, der ist ja von Segway. Also ehrlich, bei deinen wiederholt kritischen Tönen gegenüber der US-Politik im Allgemeinen und der einen ganz speziellen Person im Besonderen … du weißt schon, wen ich meine, wundert es mich, dass du dir einen Segway zugelegt hast. Ich weiß nicht, ob Huawei, Hisense oder Lenovo Mähroboter herstellen, aber ich hätte gedacht, dass du eher in diese Richtung denkst.“

Kurt lacht. „Offenbar bist du nicht ganz auf dem Laufenden. Segway, das mit seinen selbstbalancierenden Stehrollern weltbekannt wurde, gehört seit über 10 Jahren einem chinesischen Unternehmen namens Ninebot. Natürlich mit ein bisschen Kapital von Xiaomi im Hintergrund. Aber das weiß ich auch nur deswegen, weil ich im Vorfeld über Mähroboter gründlich recherchiert habe. Und jetzt guck mal.“ Kurt nimmt sein Smartphone zur Hand und startet eine App. „Ich habe meinen Garten in 4 Zonen mit unterschiedlicher Schnitthöhe eingeteilt – und jetzt lassen wir Willard mal die Zone 1 bearbeiten.“

Willard verlässt die Garage und nach kurzem Nachdenken beginnt er innerhalb der von Kurt festgelegten Grenzen zu mähen. Erstaunlich leise und erstaunlich präzise.

„Nur die Ränder muss ich jetzt noch nacharbeiten“, erklärt Kurt, während wir wieder auf die Terrasse zurückkehren und uns setzen. „Aber das ist bei fast allen Mährobotern der Fall. Alles in allem bin ich sehr zufrieden mit meinem neuen Willard.“

Wir betrachten eine Weile schweigend den Mähroboter bei seiner Arbeit.

Schließlich sagt Kurt: „Weißt du, es gibt schon Leute, die mich für meine Zuwendung an China kritisieren, wegen dessen autoritärem Regime und so weiter, aber seien wir mal ehrlich: Wer hat sich aufgeregt, während wir im Westen unsere Produktion nach China nicht nur bedenkenlos, sondern auch staatlich gefördert verlagert haben und aus Made in Germany schlichtweg Designend in Germany oder Designend in EU wurde? Ich erinnere mich auch an das Tiananmen-Massaker in Peking im Jahre 1989. Wurde danach das Investitionsverhalten der großen Konzerne der sogenannten Goldenen Milliarde gebremst? Das Internet sagt: ja, aber nur sehr kurz. Geld ist eben dicker als Blut. Und wenn du heute in einen Baumarkt gehst und alle Produkte die Made In China sind, obwohl bekannte westliche Firmen sie als ihre anpreisen, wären die Regale ziemlich leer.“

Kurt geht in die Küche und kehrt mit einer Flasche eisgekühltem Mineralwasser zurück, und während er die Gläser befüllt, sagt er: „Es gibt auf dieser Welt circa 200 verschiedene Länder, ich meine Staaten − kommt darauf an, wer wie zählt; aber die Größenordnung stimmt. Und von jedem Land, sei es groß oder klein, arm oder reich und auch unabhängig davon, ob es gerade verteufelt oder wie wild sanktioniert wird, können wir etwas lernen.“

„Okay, uns was lernen wir von China? Darauf willst du ja hinaus, richtig?“

„Was wir von China lernen können, ist hauptsächlich eines: Strategische Geduld.“

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